Erinnerung
Erinnerungen
1
Vor
allem jüngere Leute, aber auch Menschen unterschiedlichsten Alters
haben frühere geschichtliche Ereignisse ihrer Zeit nicht immer
so aufmerksam wahrgenommen, um sich daran noch klar zu erinnern. Unser
Mitarbeiter Thomas Wegbereit führte über längere Zeit
hin mit seinem Freund Wolodja aus Moskau einen regen Briefwechsel zu
aktuellen aber auch allgemeinen gesellschaftlichen Fragen der jüngeren
Vergangenheit. Wir baten ihn, unserem Blätterwald daraus etwas
zur Verfügung zu stellen. Zu unserer Freude erklärte er sich
dazu bereit, so dass wir den Besuchern der Blätter, die die Welt
bedeuten, in lockerer Folge davon Kenntnis geben können.
1.
Brief
10.01.01, 12:15
Lieber Wolodja,
eigentlich wollte ich Dir ein paar Gedanken zu der Dokumentation in
der Zeitung NEUES DEUTSCHLAND vom 6./7. Jan. zu der PDS-Studie über
die Entwicklung der Beziehungen zwischen Deutschland und Russland zur
Kenntnis bringen. Aber das Material ist so umfangreich und komplex,
daß ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. So erfahre
ich ganz nebenbei, daß die Amerikaner die Kaspische Region zur
„strategisch wichtigen Interessenzone der USA“ erklärt
haben. Das war mir bisher entgangen. Mehr noch tangiert mich, weil davon
Deutschland unmittelbar betroffen ist, wenn an anderer Stelle zum NATO-Krieg
gegen Jugoslawien ganz deutlich gesagt wird – Zitat: „Hochrangige
russische Diplomaten schätzen ein, daß die USA-Administration
ohne die Zustimmung der Bundesregierung sich wohl überlegt hätte,
den Krieg vom Zaune zu brechen.“
Das ist gerade jetzt von aktuellem Interesse, da die verbrecherische
Schweinerei mit der Uran-Munition ans Licht kommt. Plötzlich gerät
die Angelegenheit auch bei uns in die Schlagzeilen, nachdem sich herausstellt,
daß höchstwahrscheinlich auch Bundeswehrsoldaten dadurch
an Leukämie erkrankt sein können. Wovon der Kriegsbefürworter
Scharping natürlich nichts hören will. Aber der ist ja sowieso
ein Heuchler.
Wie gesagt, ich kann das nicht alles repetieren, was in dem Dokument
steht. Übrigens hat mir der USA-Anspruch auf die Region Kaspisches
Meer wieder Tschetschenien in Erinnerung gebracht. Darüber hört
man zur Zeit sehr wenig. Weißt Du, wie dort die Dinge jetzt stehen?
Nun bewegt mich noch etwas anderes, das ich meiner Wochenzeitung FREITAG
entnehme. In der Ausgabe vom 5.Jan. gibt es einen fast ganzseitigen
Artikel von Wolfgang Ullmann mit der Überschrift „Alles abgewickelt“,
in dem er in seiner sehr behutsamen Pastorenart, aber doch deutlich
darstellt, wie ganz gezielt die Treuhand per Gesetz entgegen den Absichten
und Vorstellungen des damaligen Runden Tisches das Volkseigentum in
den Besitz westlicher Unternehmen hinübermanipulierte. Ullmann
spricht dezent von „schwerwiegenden rechtlichen Fehlentscheidungen...,
die hinter allen weiteren Fehlentscheidungen der Treuhand stehen: die
Gleichsetzung von Volks- und Staatseigentum, die im strikten Gegensatz
zur Rechtslage der DDR stand.“
Was Wolfgang Ullmann so milde, aber doch strikt „Fehlentscheidungen“
nennt,
ist frei heraus gesagt der juristische Trick, mit dem die Bürger
der DDR enteignet wurden. Nachdem er das weiter ausgeführt hat,
wirft er die Frage auf:
„Kann man ein derart aus dem Ruder gelaufenes Unternehmen tatsächlich
noch als Pilotprojekt betrachten?“
Wohl nicht ohne Ironie erklärt er dazu: „Ich glaube diese
Frage bejahen zu können... Meine Gründe sind die folgenden.
Erstens ist die Treuhand das nicht zu beseitigende Zeugnis dafür,
daß es von Seiten der DDR-Bevölkerung ein bis heute nicht
befriedigtes Anrecht auf ihr Anteile am Volkseigentum gibt. Der zweite
ist die Erklärung dafür, daß diese Anrechte nicht befriedigt
werden konnten. Denn nicht zuletzt war es der Erlös der Treuhandverkäufe,
der zur Deckung der immensen Kosten der Stichtags-Währungsunion
ohne Übergangsfristen dienen mußte.“
Wenn ich das richtig interpretiere heißt das, die DDR-Bevölkerung
hat mit der Verschleuderung ihres Volksvermögens die D-Mark erkauft.
Doch weiter Wolfgang Ullmann: „Der dritte und wichtigste Grund
aber ist der, der weit über den Anlaß der deutschen Vereinigung
hinausreicht. Ich bin überzeugt, es ist der, der das Verständnis
für das ganze Treuhandunternehmen bis heute v e r h i n d e r t.
(Hervorhebung von mir – Thomas) Es handelt sich um den Bruch mit
dem traditionellen Eigentumsrecht, das Kapitalismus und Sozialismus
verbindet. ... beiden soll Eigentum das unbegrenzte Verfügungsrecht
über eine Sache oder Sachen einräumen. So die Doktrin vom
römischen Recht bis zum § 903 des Bürgerlichen Gesetzbuches.
... Es ist auf einmal der Horizont verlassen, aus dem unser Rechtsdenken
kommt ...“
Das, lieber Wolodja, ist der Satz, um den es mir geht, und weshalb ich
so weitschweifend darauf eingegangen bin. Denn was Ullmann hier sagt,
hebt eben den ungeheuerlichen historischen Vorgang hervor, über
den ich mir überhaupt nicht im klaren war. Und die meisten DDR-Bürger
wohl auch nicht. Weil wir zum größten Teil keine Juristen
sind und erst recht nichts vom Wirtschaftsrecht verstehen und deshalb
noch gar nicht begriffen haben, daß hier der kapitalistische Staat
den Bruch mit seinen eigenen rechtlichen Grundlagen vollzogen hat. Ich
meine, daraus können sich interessante Konsequenzen für weitere
künftige Enteignungen ergeben.
Das war es, was ich Dir sagen wollte.
In der Hoffnung, Dich nicht allzu sehr gelangweilt zu haben
Wie immer
Der alte Thomas
Ein
Brief von Moskau nach Berlin
Lieber
Thomas,
soeben
hat unser Fernsehen eine Reportage aus Deutschland gebracht, die viele
Russinnen und Russen erschüttern muss. Ich meine die Bilder von
den BSE-
verdächtigen und deswegen todgeweihten Kühen.
Du musst wissen, dass die Kuh in der russischen Seele einen besonderen
Platz hat.
Davor wurde das Pferd wie ein Augapfel gehütet. Eine Anekdote aus
der Zeit. Ein
lehmiger Landweg. Ein Pferd zieht mühsam einen Wagen herauf. Der
Bauer
scheucht seine Tochter vom Wagen herunter. "Was machst Du“,
fragt ein
Städter, der daneben geht. „Dein Mädchen ist krank,
es stirbt womöglich
unterwegs." - "Und wenn?“, kontert der Bauer. „Ein
Mädchen kann ich immer
machen. Ein Fohlen aber nicht!".
Nach der Vergesellschaftung der Bauernhöfe wurden die Pferde der
Fürsorge der
Bauern entzogen.
Die Kühe durften aber die Bauern behalten. Eine Kuh pro Bauernhof.
Für viele
Familien war es Rettung. In den Jahren, wo ihnen Hungertod drohte. Auch
wenn
ihre Vorratskammer leer wurde, gab es Milch für Kinder.
Eine Bauernfamilie brachte ihrer Kuh gegenüber viel Zärtlichkeit.
Das
äußerte sich schon in den Kuhnamen. "Burönuschka"
war der verbreiteste. In
etwa: "Du, meine liebe Braune".
Ich
glaube in einem meiner Briefe berichtete ich bereits Dir, Thomas, von
meiner Njanja. Von jener Bäuerin, die bei uns in Moskau den Haushalt
führte
und für mein Wohlergehen sorgte. Auch davon, dass nach dem Ausbruch
des
Krieges im Juno 1941 und den ersten deutschen Luftangriffen auf Moskau,
sie
sich, von der Panik gepackt, in ihr Dorf, etwa 200 km südlich von
Moskau
absetzte. Zu Fuß, wie sie zwanzig Jahre davor vom Dorf nach Moskau
ging, um
dem Hungertod zu entweichen.
Auf den beschwerlichen Weg nahm sie nur einen Pappkoffer. Im Koffer
lag ihr
stolzer Besitz. Schneiderstoffe, die mein Vater aus den Dienstreisen
nach
Deutschland ihr als Geschenk mitbrachte und die sie als ein Weltwunder,
da so
schön, so glitzernd, empfand.
Einige Monate nach der Flucht wurde ihr Dorf von den Deutschen besetzt,
die
Richtung Moskau stürmten. Es gab Frost, die Soldaten froren. So
teilten sie
den Inhalt des Koffers. Ein schwerer Schlag für die Njanja.
Aber als sie im Sommer 1942, als sich die Wehrmacht bereits absetzte
,
zurückkam, berichtete sie gerade von diesem Malheur einigermaßen
gefasst.
Richtig zu heulen begann sie, als sie vom traurigen Schicksal der
"Burönuschka" erzählte. Die Kuh der Familie wurde
von den fremden Soldaten
geschlachtet und aufgegessen. Das traf Njanja ins Herz. Eine Kuh zu
schlachten, die noch Milch gab...
Als
ich in die traurigen Mäuler der BSE-verdächtigen Kühe
blickte, erinnerte
ich mich an die Njanja. Gott habe sie selig!
Es ist eigentlich Barbarei, die Tiere zu schlachten und aufzuessen.
Alle
Tiere. Unsere frühen Brüder und Schwestern, verwandte Seelen
in diesem
ungastlichen Weltall...
Sei
gegrüßt.
Dein W.
Brief
von Berlin nach Moskau
Lieber
Wolodja,
Du hast recht, es ist eine Barbarei, Tiere zu schlachten und zu essen.
Da stehen wir aber vor der alten Frage: Was tun? Bei uns wird ja gelegentlich
in den Medien eine Diskussion über Tierrechte geführt, ich
schrieb dazu etwas an meine Tageszeitung, die meine Meinung doch tatsächlich
ungekürzt veröffentlichte. Wobei ich davon ausging, dass der
Mensch sich in seinem Existenzkampf heute kaum weniger barbarisch verhält
als seine urgeschichtlichen Vorfahren. Weshalb wir auch nur in unserer
Entstehungs- oder Entwicklungsgeschichte eine gewisse Rechtfertigung
dafür finden. So schrieb ich: „Bekanntlich vollzog sich die
Entwicklung zum Menschen vor allem durch die Aufnahme eiweißreicher
Nahrung, die nicht dem botanischen Bereich der Natur in ausreichendem
Maße entnommen werden konnte. Wie wir wissen, waren unsere Vorfahren
daher einige zehntausend Jahre lang vor allem Jäger und Sammler.
Später dann wurden sie Tierzüchter, als sie dahintergekommen
waren, wie Tiere
gehalten werden können, und dass dieses Verfahren produktiver ist
als die Jagd.
Wenn
das Alte Testament eine realistische Darstellung enthält, dann
ist es
die von den großen Tierherden der Stammesväter. Interessant
ist übrigens der
Satz: "Abel wurde Schafhirt und Kain Ackerbauer." Woraus erhellt,
dass zu dem Zeitpunkt
bereits Ackerbau betrieben wurde. ( Lieber Wolodja, hier frage ich:
Ob das gleichnishaft gemeint ist? Der Ackerbauer Kain erschlägt
den Tierzüchter. Also der Ackerbau gewinnt die Oberhand?)
Der Anbau von Getreide war die bedeutendste Erfindung der Menschheitsentwicklung
(viel
bedeutender als die Erfindung des Rades) und wird von der Wissenschaft
um
8000 v.d.Z. datiert, im Zusammenhang mit der Gründung der ersten
Staaten. Ackerbau ist ja auch die Grundlage für Tierfutter.
Doch das nur nebenbei.
Natürlich
ist das Schlachten von Tieren ein barbarischer Vorgang. Aber nicht
barbarischer als das Schlachten von Menschen, angefangen bei den ersten
Stammeskämpfen urzeitlicher Horden bis zu den Stammeskämpfen
der beiden
Weltkriege und nachfolgenden Metzeleien. Wobei es von irgendeinem frühen
Zeitpunkt an gar nicht mehr ums Überleben ging und geht, sondern
ums bessere
Leben, um Sicherung und Verbesserung der Lebensqualität oder des
Wohlstands
oder des Existenzniveaus, wie immer man dieses Bestreben nennen will.
Und letzten Endes ging und geht es immer um Macht, um Land als Basis
des Reichtums durch Ausbeutung von Menschen und Ressourcen.
Oft ist es ja einfach nur Gier. Die aber kennt das Tier nicht, außer
wenn es hungern musste.
Der Mensch hat zwar nicht das Recht, Tiere zu seiner Ernährung
zu töten. Aber
er hat wohl keine Wahl, seinen Bedarf an Protein anders zu decken. Er
muss es tun.
Seine einzige Alternative ist, jede Quälerei dabei zu vermeiden.
Alles andere
von alternativer Ernährung ist Illusion.
Zwar gilt es als möglich, sich vegetarisch zu ernähren, aber
nur in
beschränktem Rahmen. So ist eine abwechslungsreiche Ernährung,
auf die wohl
jeder Mensch Anspruch haben darf, einzig auf vegetarischer Basis praktisch
nicht realisierbar.
Dieser Anspruch ist natürlich auch keine Frage des Überlebens,
sondern des
Lebensstandards. Will man sich nicht auf einige vielleicht einfache
Rezepte
beschränken, sondern auch etwas Schmackhafteres zu sich nehmen,
wird a) der
Zeitaufwand sehr erheblich (besonders für Berufstätige) und
werden b)
Beschaffung von Zutaten und Finanzierung zu einem Problem.
Wer außerdem abseits der großen Ballungszentren wohnt, findet
kaum die
gewünschten Zutaten für schmackhafte vegetarische
Rezepte. In ländlichen Gegenden führt der Handel dergleichen
nicht im
Angebot.
Doch abgesehen davon mag ich nicht sektiererische Gesichtspunkte akzeptieren,
die
historisch und entwicklungsgeschichtlich von der gesamten Menschheit
oder von der überwiegenden Mehrheit vernachlässigt wurden
und werden. Wie gesagt, immer unter dem Vorbehalt, dass Tiere nicht
gequält werden dürfen.“
Soweit also mein Artikel. Deine Gefühle in Ehren, lieber Wolodja,
aber die Realität verfährt mit uns nicht gerade sehr rücksichtsvoll.
Gute Nacht!
Thomas
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Brief von Moskau nach Berlin
Lieber
Thomas,
Dein
Exkurs in die Naturgeschichte der Menschheit finde ich gut.
Dennoch teile ich Deine Absage an vegetarische Ernährung
nicht ganz. Viele Vegetarier lebten lange und mehr oder weniger sinnvoll.
Oder hältst Du etwa den großen Lew Tolstoi für einen
minderwertigen
Menschen?
Ich
selbst habe mich etwa fünf Jahre lang ausschließlich von
roten Rüben und
Roggenkörnern ernährt- freiwillig - und es ging mir gut dabei.
Obwohl, wie
ich nach der Einkehr der Perestroika und Glasnostj erfuhr, waren die
sowjetischen roten Rüben so voll von Nitraten, dass sie eigentlich
nicht
verzehrt werden durften.
Die
späte Erkenntnis gab einen Anstoß, auf das Diät zu verzichten.
Es
gab allerdings dafür auch einen anderen Grund. In der Zeit meiner
kärglichen Ernährung ließ ich mich von einem sowjetischen
Guru verleiten,
den ich, wenn auch sehr selten, besuchte. Dieser gehörte zu den
angesehensten
Wissenschaftlern im Kosmonautenstädtchen bei Moskau, wo in der
Nähe eine
Tante von mir ihre Datscha hatte. Der gute Mann spezialisierte sich
auf
Kommunikation mit Walen im Weltozean. Er behauptete, seine Experimente
fruchteten. Er könne einem Wal, der Tausende Kilometer weit schwimmt,
einen
Befehl mit seinem bloßen Gehirn schicken und der Empfang würde
vom lieben
Tier bestätigt und der Befehl ausgeführt.
Um
die Zeit ging um die Welt eine Nachricht, dass sich einige Wale scheinbar
unmotiviert aus dem nassen Element raussprangen und auf den Stränden
qualvoll
verendeten. Zur Rede gestellt, äußerte sich der Guru ausweichend.
Auch davor
war er mir alles andere als sympathisch, jetzt aber empfand ich nur
Ekel für
ihn.
Bald aber triumphierte die Gerechtigkeit.
Obwohl er sich als Verkünder neuer, kommunistischer Moral gab und
immer Marx,
Engels und Lenin zitierte, nahm das örtliche Parteikomitee ihn
ins Visier.
Vor allem weil er, fanatischer Gegner des Wodkas, für die Abstinenz
werbende Schriften verfasste, mit dem Gerät in seinem Labor vervielfältigte
und unters Volk brachte. Das war natürlich ein Verstoß nicht
nur gegen die
rigorosen Zensurbestimmungen, sondern auch gegen die Generallinie der
Partei.
Reduzierung des Wodkakonsums hätte eine vorzeitige Pleite der Sowjetunion
herbeigeführt und den Rüstungswettlauf mit dem Westen sofort
zum Scheitern
gebracht. Denn das Geld dafür roch stark nach Alkohol.
Der Wodka war in der Zeit die finanzielle Hauptstütze des Aufbaus
des
entwickelten Sozialismus, bzw. seiner Verteidigung. Jeder Alkoholiker
avancierte singrundegenommen zum Kommunisten der Tat. Auch wenn er auf
die
Partei wegen hoher Wodkapreise und die fehlenden Sakusskas (Wurst, Speck
usw.) schimpfte.
Die Strafe für den Guru war entsprechend hart. Er wurde aus der
Partei
ausgestoßen, von der Arbeit und aus der Dienstwohnung geworfen.
Später als Gorbatschow, der Totengräber des sowjetischen Imperiums,
daran
ging, die fiskalische Basis des Staates zu zerstören und zum Kampf
für die
Nüchternheit (der Illusionist!) trompetete, erflehte der Guru
Rehabilitierung, aber es war zu spät. Keiner wollte von ihm etwas
hören. Und
für die Erforschung der Kommunikation mit den Walen hatte der ruinierte
Staat kein Geld mehr.
Viele
Grüsse,
Dein
W.
Lieber Thomas,
Die
fragst über meine letzte und endgültige Entlassung aus dem
Radio. Sie fiel
zeitlich und vielleicht auch ursächlich mit zwei Veröffentlichungen
zusammen. Eine behandelte (zum ersten Mal in der sowjetischen Presse)
die
übliche Praxis, die westlichen Auslandssender (Peking und Tirana
übrigens
auch) massiv mit Störgeräuschen zu belegen (der Betrieb der
Störsender ,
die nicht allein das sowjetische Gebiet abdecken sollten, sondern auch
das
der Bruderländer, verschlang zeitweise etwa 20- 25 % der Stromproduktion
der
SU!). Mein Beitrag erschien in der Zeitung "Kultura i schisnj"
(Kultur und Leben), eigentlich
einer ZK-Zeitung, aber in der Hand der " Reformer".
Die andere kriminelle Veröffentlichung fand ein oder zwei Tage
vor der
Vertreibung aus dem Paradies in der Wochenschrift "Nowoje wremja"
(Neue Zeit) statt. Sie
Behandelte - auch zum ersten Mal - die Durchsetzung des sowjetischen
Auslandsfunks mit "betriebsfremden Personen". Gemeint waren
"Journalisten in Zivil", wie sie spöttisch tituliert
wurden. Das waren KGB- oder GRU-Offiziere, die entweder als Volontäre
(da sie später als Journalisten getarnt werden sollten, mussten
sie ein Bisschen vom Handwerk mitkriegen), also eine Art Vorruheständler
(meistens nach einem Skandal im Ausland) oder
auch zwischen den Einsätzen im Radio weilten.
Ich plaudere kein Interna aus. Noch unter Gorbatschow sprach auf einer
(offenen) Belegschaftsversammlung bei uns ein frischernannter Vorsitzender
des Radiokomitees, Jegor Jakowlew. Er schätzte den Anteil der
"betriebsfremden" Personen auf ein Viertel, ein Fünftel
der journalistischen
Mannschaft.
Übrigens machten diese Mitarbeiter keinen schlechten Eindruck.
Höflich,
umgänglich, nie auf ihren besonderen Status pochend. Ausgezeichnete
Sprach-
und Landeskenntnisse. Das Einzige: sie ließen sich in keine
Auseinandersetzungen ein, die damals, in der Umbruchszeit, auf der
Tagesordnung standen. Somit stabilisierten sie, ob sie es wollten oder
nicht,
die Verhältnisse, die einen ankotzten.
Meine Chefs sahen das anders. Darunter mein Chefredakteur, ehemaliger
Resident in Helsinki, Oberstleutnant des KGB. Und der Vorsitzende des
Rundfunkkomitees- ehemaliger KGB-Chef Belorusslands. Und sein erster
Stellvertreter, Chef des Auslandsradios, ein KGB-General (hochbegabt,
sah er
wie ein orientalischer Märchenprinz aus, war auch ein Mischling
zwischen
einer Deutschen und einem Aserbaidschaner; noch als KGB-Leutnant betreute
er
Feldmarschall Paulus nach dessen Gefangennahme in Stalingrad).
Kein Wunder also, dass ich sofort gefeuert wurde. Ich nahm es gelassen.
Ein
Begleitumstand erfreute mich sogar. Und zwar: 50 Kollegen unterschrieben
eine vehemente Protesterklärung und drohten mit Streik. Ein erster
und
vielleicht auch letzter Massenaufstand in der damals sechzigjährigen
Geschichte des sowjetischen Auslandsfunks.
Vielleicht
könnte ich wieder zurückkehren. Da ich aber nach 31 Jahre
im
Auslandsradio die Nase voll hatte, habe ich das nicht versucht.
Sei
gesund,
Dein
W.
Lieber
Wolodja,
zu Deinen Abenteuern mit den Auslandssendern kann ich nicht viel sagen.
Für uns beim Deutschlandsender war die Situation doch ganz anders,
obwohl die BRD als Sendeziel fast wie Ausland war. Aber zugleich gab
es noch zahlreiche historisch-kulturelle Berührungspunkte. Vor
allem die Sprache. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb – wir
brauchten ja keine Fremdsprachenkenntnisse, um die westdeutsche Propaganda
zu verstehen – betrachteten wir den Westen nicht nur als Ausland
sondern als Feind. Unser Hass auf die revanchistischen und restaurativen
Aktivitäten der westdeutschen Politik, bestimmte unser Denken nicht
nur journalistisch, sondern auch persönlich. Davon habt ihr Journalisten
der SU vermutlich nicht so viel mitbekommen. Zumal, wie ich aus Deinen
eMails weiß, in den maßgebenden Etagen der sowjetischen
Politik, immer mal wieder nach guten, vor allem wirtschaftlichen Beziehungen
zur BRD Ausschau gehalten wurde. Falin hat darüber ja ebenfalls
einiges ausgeplaudert. Was für die DDR eine Existenzfrage war,
wurde bei Euch wohl eher als merkantile Erwägung erörtert.
Und Gorbatschow hat ja dann auch die DDR für einen Appel und ein
Ei verkauft. Die Staatsführung der DDR trägt allerdings nicht
wenig Schuld daran. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema und
„ein weites Feld“.
Was Du zu Deinen Entlassungen schreibst, finde ich recht aufschlussreich.
Mich würde interessieren, wie es denn zu Deinem endgültigen
Rausschmiss kam, und was Du dann gemacht hast, um Deine Brötchen
zu verdienen.
Ach, ja, das Internet. Also, außer eMail-Verkehr betätige
ich mich da nicht sehr intensiv.
Manchmal rufe ich noch per Online-Banking meinen Kontostand ab, aber
Geldüberweisungen auf diesem Wege riskiere ich selten. Da gibt
es oft Pannen.
Bücherbestellungen veranstalte ich allerdings häufiger. In
der ersten Zeit habe ich mich mehrmals in Newsgruppen von free agent
eingeklinkt. Aber da wurde dann soviel Schwachsinn Seitenweise verbreitet,
dass ich schon seit Monaten gar nicht mehr hineinschaue. Eine echte
Diskussion zur Verständigung über gesellschaftliche Themen
kommt nicht zustande. Nur gegenseitige Verunglimpfungen. Vom sonstigen
Surfen halte ich gar nicht viel. Nur immer Werbung, Werbung, Werbung.
Höchstens mal ein Blick in eine seriöse Tageszeitung, wenn
ich einen Hinweis darauf erhalte. Ich komme ja kaum dazu, meine beiden
abonnierten Tageszeitungen und eine Wochenzeitung zu lesen. Desgleichen
Computer BILD und noch eine andere Fachzeitschrift als Hobby. Die kann
ich nur mal durchblättern, ob es etwas Neues gibt. Alles viel zu
umfangreich. Was für eine Papierverschwendung!
Und ich habe jetzt auch schon wieder zu viel gesülzt. Sorry, wenn
ich Dich langweile.
Herzliche Grüße
vom alten Thomas
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