Fremde
Federn
Ostalgie,
oder die Politik der Zukunft in Ostdeutschland
Dominic Boyer
Cornell Universität
Ithaca, NY, USA
(Übersetzung von Olivia Hall)
Es ist noch nicht so lange her, dass die ehemalige
DDR reif für eine Fülle von Zukunftsvisionen schien. In Diskussionen
malte man sich, mal überschwänglich, mal ängstlich, die
verschiedenen Richtungen aus, in die sich das Potential des Ostens nach
der deutschen Wiedervereinigung entwickeln könnte: vielleicht als
eine Erweiterung der politischen und sozialen Ordnung des Westens, vielleicht
als ein humanitärerer Sozialismus, vielleicht als eine Verkörperung
irgendeines Ideals des „dritten Weges“. Gleichzeitig erlebten
Einheimische und Besucher gleichermaßen Ostdeutschland, von den
Foren öffentlicher Kultur bis hin zu den Praktiken des Alltags,
als den Schauplatz Schwindel erregender Revolution, überschäumender
Präsenz, rasanten Entstehens (Boyer 2001). Die Zukunft schien,
ähnlich dem allgegenwärtigen Geratter der Baugeräte,
unaufhörlich zu vibrieren und zu fragen: Was kommt nun?
Umso bemerkenswerter scheint mir heute in Bezug auf Ostdeutschland,
dass diese Zukunftserwartung nicht nur gedämpft, sondern sogar
umgekehrt worden ist. In politischen und kulturellen Diskussionen über
den Osten haben sich Diskussionen über Wandlung und Zukunft in
Tropen der Stagnation und Vergangenheit verwandelt. Im Januar 2004 beschrieb
zum Beispiel Richard Bernstein, Journalist der New York Times, die „seltsam
nostalgische Stimmung“ in Ostdeutschland: „Manche tragen
‚Born in the GDR’-T-Shirts, oder sie sammeln Trabanten,
die klapprigen zweizylindrigen Autos, auf deren Kauf DDR-Bürger
jahrelang warteten, oder sie begeben sich online, um als Kandidaten
beim 'Ossi-Quiz’ Fragen zur Popkultur der DDR zu beantworten (2004:4;
siehe auch Williamson 2003).
Angespornt von solchen Meldungen oder vielleicht vom Film Goodbye Lenin!,
fragen manche, die Deutschland nicht besonders gut kennen und erfahren,
dass ich im Osten forsche, als erstes nach dem Phänomen der Ostalgie,
der Art von Nostalgie, die Ostdeutsche nun für die DDR empfinden
sollen. Es ist für sie gleichzeitig amüsant und beunruhigend,
dass Menschen, die in beiden Systemen gelebt haben, den stalinistischen
Totalitarismus der westdeutschen Demokratie vorziehen. Dabei erinnern
ihre gemischten Gefühle (Humor, Ironie, Sorge, Schadenfreude) an
Slavoj Zizeks Erörterung über die „postmoderne radikal-politische“
Faszination für den Totalitarismus als Symptom dessen, was von
der „global-kapitalistischen, multikulturellen Toleranz“
(2001:244) verdrängt worden ist.
Ich teile die Ansicht, dass Ostalgie ein Symptom ist, doch meiner Meinung
nach ist sie
weder ein Symptom einer östlichen Sehnsucht nach der Rückkehr
zur DDR, noch nach einer Jouissance der autoritären Herrschaft,
was der geläufigsten Interpretation entspräche. In diesem
Aufsatz möchte ich eine alternative Analyse bieten, die die Östlichkeit
und die Vergangenheitsorientierung der Ostalgie (und in der Tat ihren
Status als Phänomen) hinterfragt. Stattdessen ordne ich hier sowohl
den Diskurs über Ostalgie als auch deren Identifikation in eine
ethnologische Erinnerungs- und eine allochrone Zukunftspolitik ein,
die zusammen die Fixierung der Ostdeutschen auf die Vergangenheit hervorbringen.
Kurz gesagt ist es also meine Strategie, vom Blickwinkel der Ostalgie
aus das Problem der Zukunft Ostdeutschlands zu betrachten. Diese ist
keineswegs bis zur Unkenntlichkeit gedämpft worden, sondern bedient
sich vielmehr eines bestimmten Sozialwissens über die östliche
Vergangenheit als Medium.
Dieser Aufsatz setzt sich aus drei Teilen zusammen:
Zuerst untersuche ich den Begriff „Nostalgie“ an sich und
führe aus, wie dieser medizinische Neologismus des 17. Jahrhunderts,
der als annähernd synonymer obgleich technisch überlegener
Begriff zum Heimweh vorgesehen war, ursprünglich eine Krankheit
der räumlichen und nationalen Verschiebung kennzeichnete. Wie an
anderer Stelle schon oft angemerkt wurde, setzt sich Nostalgie aus den
zwei griechischen Wörtern nostos (die Rückkehr in die Heimat)
und algos (Gram, Schmerz oder Trauer) zusammen. So waren die Algea der
griechischen Mythologie die Kinder der Eris (Zwietracht) und die Geschwister
der Lethe (Vergessen), des Limos (Hunger), des Ponos (Mühsal) und
vieler anderer Leiden. Meine Bemerkungen richten sich vor allem auf
die Historizität und Soziologie des Neologismus und erörtern
die These, dass die Nostalgie ein bedeutendes Moment in der Verkörperung
der Nation darstellt. Weiterhin vertrete ich die Auffassung, dass die
Beziehung von Algos und Nation die entscheidende Dynamik ist, die wir
in unseren Überlegungen zu der Präsenz von Nostalgie im heutigen
Deutschland entschlüsseln müssen.
Im zweiten Teil dieses Aufsatzes erarbeite ich die historischen und
psychoanalytischen Rahmenbedingungen für Nostalgie im Nachkriegsdeutschland.
Hierbei konzentriere ich mich auf Kummer und Schmerz der Erinnerung
an das Dritte Reich, einen Kummer, der die Geschichte und die Vergangenheit
im Allgemeinen im Nachkriegsdeutschland als Belastung kodifiziert und
damit ein bedeutungsvolles ethnologisches Vermächtnis und eine
Präsenz erschafft, die jegliche deutsche Zukunft in Frage zu stellen
scheinen. In meiner Analyse der Deutschheits-Belastung merke ich an,
wie die von außen aufgezwungene Teilung und Besetzung Deutschlands
von 1945 bis 1990 auf eine geradezu opportune Weise die Konfrontation
mit der Ethnologie des Holocausts verzögerte. Beide deutsche Staaten
erreichten diesen Aufschub, indem sie behaupteten, die „deutscheren
Deutschen“ lebten jenseits der Mauer. Jedoch wurden die Schwächen
dieser Strategie zur Vergangenheitsbewältigung in den Ereignissen
des Jahres 1989 offenbar. Seit 1990 existieren wieder ein Deutschland,
eine Geschichte, eine Belastung. Doch hat die Erinnerungs- und Identitätspolitik
des Kalten Krieges ihre Spuren in der Unterscheidung zwischen Ost und
West als eine wesentliche Achse der Sozialimagination hinterlassen.
Dies ist nach meiner Meinung der Kontext, in der die deutschen Ost-West-Beziehungen
und die alltäglichen Dispositionen, die als Ostalgie kodifiziert
werden, zu verstehen sind.
Der dritte Teil des Aufsatzes befasst sich, in zugegebenermaßen
selektiver und unvollständiger Weise, mit dem kulturellen Terrain
und der politischen Logik der Ostalgie im heutigen Deutschland. Ich
betrachte weit verbreitete Ostalgie-Phänomene wie die Boulevard-Zeitschrift
Super Illu und den Film Goodbye Lenin! neben dem weniger bekannten aber
(aus ostdeutscher Sicht) wichtigeren Werk des Journalisten und Romanschriftstellers
Alexander Osang und zolle dabei vor allem der Semiotik ostdeutscher
Vergangenheit in kulturellen Repräsentationen Aufmerksamkeit. Ich
argumentiere, dass Ostalgie anders ist, als sie scheint. Sie ist weniger
ein Symptom ostdeutscher Nostalgie als eine westdeutsche Utopie. In
diesem Sinne ist die Utopie eine naturalisierende Fantasie, die einen
irrealen Raum, wörtlich einen „Nichtort“, erschafft,
in dem die ostdeutsche neurotische Verstrickung mit der autoritären
Vergangenheit es den als „westlich“ kategorisierten Deutschen
ermöglicht, eine Zukunft ohne Vergangenheitsbelastung zu ergreifen.
Die einflussreiche und mannigfaltige Ostalgie-Sparte im wiedervereinigten
Deutschland spiegelt das Verlangen ihrer westdeutschen Besitzer und
Betreiber wider, eine unbelastete Zukunft zu erlangen, indem sie die
Vergangenheitsbesessenheit der Ostdeutschen wiederholt betonen. Doch
ist dieses unaufhörliche Signal an sich ein Symptom der Vergangenheitsorientierung
der Westdeutschen. Letztlich kann die Therapie der Ost-West-Unterscheidung
den pathogenen Nukleus des Holocaust in allen deutschen Nachkriegserinnerungen,
wie ihn Freud vielleicht benannt hätte, nicht wirklich auflösen.
Dennoch hat eine solche Therapie enorme Auswirkungen auf das Leben und
die Selbsterkenntnis der ostdeutschen Bürger.
Nostalgie und Nation
Wie schon an anderen Stellen oft beschrieben wurde, prägte der
Medizinstudent Johannes Hofer den Begriff „Nostalgie“ im
Jahre 1688 in seiner Dissertation für die Universität zu Basel.
Ich möchte bei Hofers Dissertation ein wenig verweilen, denn dieses
bemerkenswerte Werk ist zwar oft zitiert, aber nur selten in seinen
Nuancen ausgeleuchtet worden. Der Text beginnt mit dem zeitlosen Ritual
aller Dissertationen, den höheren Mächten der Akademie zu
danken. Dann wendet sich Hofer unverzüglich dem seltsamen Begriff
„Nostalgie“ und seiner Definition zu. Fast entschuldigt
er sich dafür, dass er den Leser mit diesem Neologismus behelligt,
da doch das Heimweh schon im allgemeinen Sprachgebrauch verbreitet ist.
Doch, erklärt er, mangele es dem Heimweh an medizinischer Genauigkeit
und Ernsthaftigkeit angesichts mancher tödlicher oder lebensgefährlicher
Fälle der Heimat-Sehnsucht, die er in seiner Dissertation dokumentiere.
Hofer betont, er hänge nicht an diesem speziellen Begriff „Nostalgie“.
Viel wichtiger sei es ihm, dass dieses Leiden als eine echte physiologische
Krankheit anerkannt werde. Hofer schreibt: „Außerdem ist
mir in Wahrheit beim Nachdenken über einen Namen kein passenderer
in den Sinn gekommen, der das zu Erklärende prägnanter definiert
als das Wort Nostalgias, das griechischen Ursprungs ist und sich in
der Tat aus zwei Lauten zusammensetzt. Der eine, Nostos, drückt
die Rückkehr in die Heimat aus; der andere, Algos, bezeichnet Leid
oder Kummer, so dass es soweit möglich ist, durch die Kraft des
Lautes „Nostalgie“ die traurige Gemütsverfassung zu
definieren, die aus der Sehnsucht, in seine Heimat zurückzukehren,
entsteht“ (1934:380-1). Interessanterweise führt Hofer zwei
alternative Neologismen an, die den Lauf der Geschichte weniger gut
überstanden haben als die Nostalgie. „Sollten Nostomanie
oder der Name Philopatridomanie, die beide einen Geist beschreiben,
welcher der Heimat eng verbunden ist und sich jeglichem Bestreben zur
Rückkehr widersetzt, bei jemandem mehr Gefallen finden,“
schreibt Hofer, werde ich es gänzlich billigen“ (381).
Hofer geht dann dazu über, zwei Fälle von Delirium und Manie
zu schildern, welche die spezielle Pathologie verkörpern, die er
mit den langen Aufenthalten „vornehmlich junger Menschen und Heranwachsender“
in „fremden Ländern mit fremdartigen Sitten“ assoziiert.
Zuerst beschreibt Hofer einen jungen Studenten aus Bern, der während
seines Studiums in Basel unter einem brennenden Fieber litt, das auch
mithilfe jeglicher medizinischer Arzneibücher nicht behandelt werden
konnte und erst abklang, als er in seine Heimat zurückgebracht
wurde. (Dass dieses „fremde Land“ nur ungefähr 50 km
entfernt war, vermittelt einen Eindruck davon, in welchen Dimensionen
zu jener Zeit Heimat empfunden wurde.) Hofer betont, die Rückkehr
in die Heimat sei das einzige Heilmittel für die Nostalgie. Hofers
zweiter Fall, ein Landmädchen im Delirium, das wahrscheinlich als
Dienstmädchen in einer fremden Stadt arbeitet, schreit nichts als
„Ich will heim!“, bis sie von Seiten der dortigen Ärzte
für unheilbar erklärt wird. Doch wird sie am Rande des Todes
an ihre Geburtsstätte zurückgebracht, wo sie laut Hofer „innerhalb
weniger Tage vollkommen genas, ganz ohne die Hilfe von Medikamenten.“
Jean Starobinski erwähnt in seinem Aufsatz „The Idea of Nostalgia“
besonders den Feinsinn der Epidemiologie Hofers und verleiht seiner
Bewunderung dafür Ausdruck, dass Hofer soziale Entfremdung und
den Wunsch, umsorgt zu werden, als das nostalgische Leiden bedingende
Faktoren berücksichtigt (1966). Es ist in der Tat bemerkenswert,
inwiefern Hofer Breuers und Freuds spätere Erörterung einer
weiteren Manie, nämlich der Hysterie, vorweg nimmt (1895). Schon
zwei Jahrhunderte ehe Charcot und seine Eisenbahnunglücke die Diagnose
der Hysterie als einen Trauma- und Repressionskomplex rekonfigurieren,
zeichnet Hofer ein wunderbar resonantes Portrait der Objekt-Kathexis
und Neurose und deren Behandlung durch Abreaktion, in welcher der Patient
zum Verdrängten, in diesem Fall zum Ort und Klima „Heimat“,
zurückgeführt wird. Obwohl Hofer auch die sozialen und psychologischen
Dimensionen der Nostalgie beachtet, richtet sich sein Interesse vor
allem darauf, über die physiologische Grundlage des sie kennzeichnenden
Deliriums oder der Manie zu mutmaßen. In diesem Zusammenhang erörtert
er „tierische Geister“ und Stellen „stetiger Vibration“
im Gehirn, die die Vorstellung vom Vaterland refraktieren. Diese Erörterung
kulminiert schließlich in der Humoralpathologie zur „Veranlagung
des Blutes“ und des Atems in fremden Klimata.
Hofers Diagnostik der Nostalgie ist bemerkenswert. Demnach können
wir eine ummittelbar bevorstehende Nostalgie in den jungen Leuten erkennen,
die „häufig traurig umherschweifen, fremde Sitten verschmähen,
von Widerwillen gegenüber fremdem Diskurs ergriffen werden...oft
mit den Wonnen des Vaterlandes protzen und diese allem Fremden vorziehen“
(386). Kurz, das Symptombild der drohenden Nostalgie ist für Hofer
mehr oder weniger das, was wir heute unter „Nationalismus“
fassen könnten. Diese Assoziation wird unter Erwägung seines
alternativen Vorschlags „Nostomanie“ noch deutlicher. „Nostomanie“
betont weniger Gram und Trauer angesichts der aufgeschobenen Heimkehr
als den obsessiven „Wahnsinn“ des Strebens nach Rückkehr.
In beiden Fällen wird der Wahnsinn durch die physiologischen Konsequenzen
des Verlassens seines Ortes und seiner Nation angefacht. In der Tat
werden die Begriffe Heim und Nation in Hofers Dissertation austauschbar,
denn er verknüpft sie in einer Ökologie der sozialen Zugehörigkeit,
der das Individuum physiologisch verbunden ist.
Dies bezeugt die Historizität, in der Diagnose immer eingebettet
ist. Im modernen Gebrauch ist “Nostalgie” ein relativ unverfängliches
Wort, das sogar eher achtlos gebraucht wird. Der englische Ausdruck
„waxing nostalgic“, zum Beispiel, ist ein literarischer
Tropus und zudem üblicherweise ein ironischer. Zweifellos fehlt
ihm die Nuance der körperlichen Gefährdung. Für viele
Zeitgenossen Hofers waren die Gefahren längerer Reisen und die
Leiden der Sehnsucht, in die Heimat zurückzukehren, sowohl real
als auch ernstzunehmen. Schon lange vor Hofers Dissertation waren Aspekte
der Krankheit von Ärzten festgestellt worden, die während
des Dreißigjährigen Krieges Soldaten und Flüchtlinge
behandelten. Der Begriff „Nostalgie“ erlangte im 18. Jahhundert
in der Epidemiologie große Bedeutung und Resonanz, ehe die Humoraltheorie
in der Medizin durch die Zelltheorie und Bakteriologie verdrängt
wurde und die „Nostalgie“ neben Ausdrücken wie „Melancholie“
in den humanistischen und literarischen Diskurs zurückkehrte. Noch
im amerikanischen Bürgerkrieg wurde bei über 5000 Soldaten
Nostalgie belegt. In den Begriffen Bruno Latours scheint Hofer der „Sprecher“
[spokesperson] für eine größere Verlagerung epidemiologischer
Paradigmata gewesen zu sein (1988). Und doch reagiert Hofers Wissenschaft
offensichtlich auf die soziologischen Transformationen im Europa des
17. Jahrhunderts
Hofers Epidemiologie der Nostalgie beschwört durch ihren Fokus
auf das, was ich die Phänomenologie der Dislokation nennen möchte,
das Sozialphänomen der Trans-lokation in Europa. Die massiven Flüchtlingsströme,
die Mitteleuropa während des Dreigjährigen Krieges geplagt
hatten, waren schon verebbt, als Hofer in Basel studierte, doch die
verheerenden Dislokationen des Krieges waren noch frisch in der Erinnerung.
Das Sozialleben in Mitteleuropa hatte sich, jedenfalls im Vergleich
zum früheren feudalistischen Lokalismus, für immer verändert.
Zahlreiche Historiker haben angemerkt, dass das späte 17. Jahrhundert
tatsächlich eine Zeit der, wenn auch selektiv, zunehmenden Translokalität
in ganz Mitteleuropa war. Zum Beispiel betont Mack Walkers sozialgeschichtliche
Studie, die sich mit deutschen Städten in annähernd diesem
Zeitraum befasst, die Spannung, die im Sozialleben zwischen Lokalität
und Translokalität, zwischen den lokal-denkenden und -investierten
Bürgern und den, wie Walker sie nennt, treibenden Kräften,
einer immer vielfältiger werdenden Ansammlung von migrierenden
Bevölkerungsgruppen wie „Bürokraten, Hausierern, Kaufleuten,
Lohnarbeitern und enteigneten Kleinbauern“ (1971:108-142), herrscht.
Hofers Kontextgefühl wird erkennbar, wenn er erwähnt, dass
Nostalgie vor allem Jugendliche in dem Alter befällt, in dem sie
als Studenten, Diener oder Soldaten weit von ihrem heimischen Klima
reisen. Dabei sollten wir uns in Erinnerung rufen, dass Hofer zu dieser
Zeit selbst als Student in Basel und damit ungefähr 100 km von
seiner Geburtsstadt Mühlhausen entfert lebte. Er liefert in seiner
Dissertation viele Hinweise darauf, dass er selbst sehr gut mit den
Symptomen der Nostalgie vertraut war, vor allem an den Stellen, wo er
sich als ethnisch Deutscher, der aus einer unlängst von Frankreich
besetzten Region stammt, über den schweizerischen Anspruch empört,
das Heimweh sei ein nationales Leiden, welches die besondere Hochschätzung
des schweizerischen Vaterlandes belegen sollte.
Bürgerliche Studenten wie Hofer waren zwischen der lokal-investierten
Herkunft und den translokalen Notwendigkeiten ihres Bildungsweges hin-
und hergerissen. Sie reisten oft fern der Heimat, um eine Universität
zu besuchen und lernten bis zur Vollendung ihres Studiums möglicherweise
an den Universitäten verschiedener Städte. Das normative Ideal
für die meisten Studenten war nicht das kontinuierliche Reisen,
sondern die Rückkehr in die Heimatstadt, wo sie einen hohen Rang
in den örtlichen Gewerben, an einer lokalen Universität oder
in der Lokaladministration einnehmen sollten. Nach meiner Kenntnis haben
nur wenige Sozialhistoriker untersucht, welche psychologischen und phänomenologischen
Konsequenzen die Translokation für Studenten hatte und inwiefern
die Wanderschaft durch Europa in ihnen sowohl Stolz als auch Ängste
auslöste. Doch ist nicht genau dies Hofers Zeugnis? Die Heimkehr
eines Studenten war genauso ungewiss wie die eines jungen Soldaten oder
Dieners. Oft begleiteten Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit
im Mitteleuropa des 17. und 18. Jahrhunderts das intellektuelle Leben,
da die Universitäten routinemäßig mehr Absolventen produzierten
als lokal beschäftigt werden konnten (McClelland 1980). Daher konnte
das Verlassen der Heimatstadt zum Studieren den Abschied von Familie,
Freunden und Nahestehenden für Jahrzehnte bedeuten. Und doch konnte
man ohne ein Studium das typische Bestreben des Mittelstandes, eine
Position lokaler sozialer Prominenz einzunehmen, niemals zulänglich
ereichen, zumal im 18. Jahrhundert im Adel und in der wohlhabenden Mittelschicht
gleichermaßen eine universitäre Ausbildung zunehmend zum
rite de passage zur sozialen Prominenz wurde.
Wie ich schon an anderer Stelle ausführlich dargelegt habe (Boyer
2005), trugen translokale Netzwerke mittelständischer Personen
wie Hofer im deutschsprachigen Mitteleuropa auch entscheidend zur Entwicklung
einer Sprache der translokalen nationalen Identität und Zugehörigkeit
bei. Studenten, Wissenschaftler und Intellektuelle begannen, eine deutsche
Nation in Begriffe zu fassen, die dem Adel, dem Landvolk und sogar dem
lokal-investierten Mittelstand fremd waren.
In einem immer noch höchst lokal geprägten sozialen Raum konnte
die gebildete Mittelschicht, die sich selbst die Gebildeten nannte,
das translokale Gewebe der Nation frei und weitgehend auf ihren kommunikativen
Netzwerken basierend gestalten. Dadurch ergab es sich, dass die Tugenden
der deutschen Nation, wie sie im 18. Jahrhundert artikuliert wurden
(darunter Geist, Bildung und Kultur) der Kastenidentität der Gebildeten
auffallend ähnelten. Die Universität wurde als die entscheidende
Stätte sozialer Reproduktion der gebildeten Mittelschicht ebenfalls
ein institutioneller Standort für den Nationalismus. Ein Student
wie Hofer war der nationalen Sprache und Manie also mit großer
Wahrscheinlichkeit regelmäßig ausgesetzt. Die sprachlichen
und territorialen Korporationen, die ausländische Studenten an
europäischen Universitäten gründeten, gehören zu
den Vorläufern des modernen Gebrauchs des Begriffs „Nation.“
Zum Ende des 17. Jahrhunderts entwickelten sich einige dieser so genannten
Nationes zu Vereinigungen, die unbändig und mit eiferndem Patriotismus
manche Universität mit „nationalistischem“ Unfrieden
überzogen.
Damit will ich sagen, dass „Nation“ für Hofer eine
relativ intime und mit Bedeutung befrachtete Kategorie gewesen sein
muss, als er zu jener Zeit und an jenem Ort medizinische Anerkennung
für den Begriff „Nostalgie“ erstrebte. Es ist vorstellbar,
dass Hofers Dissertation nur ein epiphänomenaler Moment oder Symptom
des Aufstiegs des Nationalismus war, etwa eine frühe Einsicht in
die nationalen Manien, die Europa vom Westfälischen Frieden bis
zum Ende des Zweiten Weltkriegs drei Jahrhunderte lang plagen sollten.
Doch war Hofers Dissertation zur Nostalgie meiner Meinung nach selbst
ein bedeutsames generatives und koordinierendes Moment. Mit seinem neologistischen
Eingriff schuf Hofer einen treffenden und maßgebenden Ausdruck
für die Wünsche und Sorgen der Nation, der darüber hinaus
die Körperlichkeit und Gefahr des Kummers um die Rückkehr
in die Heimat hervorhebt. Hofer trug somit dazu bei, eine Sprache zu
erschaffen, welche die Gesundheit der Heimat und Nation den Leiden der
Migration und Translokation gegenüberstellt. Dadurch naturalisierte
Hofer den Nationalismus als einen physiologischen Zustand, wodurch Manie
und Algos untereinander auswechselbar wurden. Diese Gleichsetzung hat
seitdem umfassende Konsequenzen für den europäischen Nationalismus.
Vergangenheitsbelastung und Nostalgie in Deutschland
Wenn Hofers Nostalgie tatsächlich mit der Formgebung der Phänomenologie
der Nation in Mitteleuropa verflochten ist, wie bewerten wir dann den
heutigen Status der Nostalgie in Deutschland, das im 20. Jahrhundert
die Tiefe, die Passion und den Terror der Nation symbolisiert hat? Ich
habe schon oft den Eindruck gewonnen, dass Nostos und Algos im Nachkriegsdeutschland
in einer recht anderen Beziehung zu einander stehen als im restlichen
Europa. Da Deutschtum und das Dritte Reich im öffentlichen Gedächtnis
eng verknüpft sind, dient die Nation nicht immer oder sogar selten
als Quelle des Wohlgefühls. Die Nation flößt eher Unbehagen
und die Sorge ein, dass die guten Werke der Sozialdemokratie lediglich
eine Fassade sind, hinter der sich irgendein tieferer autoritärer
Trieb verbirgt. Einer meiner guten Freunde aus Berlin gestand mir bei
einem Spaziergang um den Havelsee, dass er in jedem Deutschen einen
kleinen Hitler vermute. Ich fragte, ob er sicher sei, dass das nur jeden
Deutschen betreffe. Lachend gab er zur Antwort, dass da wohl etwas dran
sein könne. Er fügte hinzu: „Aber denk dran, Dominic,
dass ein echter Neurotiker nicht geheilt werden kann.“ Nicht nur
in Deutschland trifft man auf eine neurotische Beschäftigung mit
der so genannten deutschen Krankheit des Autoritarismus, der Aggression,
der Intoleranz. Ich möchte darauf hinweisen, dass dies als eine
speziell deutsche Krankheit wahrgenommen wird. In solch eine Heimat
kehren nur wenige Begierden zurück. Die Manie, die Nostos in Deutschland
begleitet, versucht eher obsessiv, die Rückkehr zu vermeiden oder
zu unterdrücken, als dass sie sie herbeisehnt.
Die psychische Krise durch die so genannte Vergangenheitsbelastung ist
nicht zu unterschätzen, vor allem nicht bei jungen Deutschen, die
weniger Schuld für eine begangene Tat empfinden, sondern vielmehr
die Wiederholung des Vergangenen in der Zukunft fürchten. Sicherlich
haben viele Deutsche Strategien entwickelt, mit dieser Furcht umzugehen
oder sie zu leugnen. Und doch kann sie nie ganz verdrängt werden,
trifft man sie doch wiederholt im Stereotyp des autoritären, intoleranten
Deutschtums an. Eine Frau sagte mir: „Ich war mir beim Reisen
immer bewusst, dass ich Deutsche bin. Dort wird man dauernd mit den
stereotypischen Vorstellungen konfrontiert.“
In den Narrativen der Nachkriegszeit in und außerhalb von Deutschland
wurde der Holocaust zu einem Ereignis, das in seiner historischen und
kulturellen Einzigartigkeit mit anderen Völkermorden nicht vergleichbar
ist. Die Betonung auf die Unvergleichbarkeit bestärkte auf unermessliche
Weise die assoziative Verbindung zwischen Deutschtum, Autoritarismus
und der Geschichte. In Anbetracht des auflösenden Charakters der
assoziativen Logik konnte bald jeder Deutsche, unabhängig von seinem
Alter oder seiner politischen Gesinnung, im moralischen Zerfall und
dem Völkermord der Endlösung impliziert werden, nachdem der
Autoritarismus ethnotypisch für die Deutschen geworden war. In
Deutschland ist eine solche Logik zwar weiterhin umstritten, wie der
Aufruhr um Daniel Goldhagens Buch (1996) und dessen provozierende These
über die deutsche Natur des Antisemitismus bezeugt, doch ist sie
weithin anerkannt und gegenwärtig.
Aber um noch einmal einen Schritt zurück zu machen: Während
die Teilung des Nationalstaates nach 1945 zwar teilweise zur Ethnologisierung
des Autoritarismus beitrug, ermöglichte sie es aber auch, durch
die vermittelnde Rolle des anderen Deutschlands mit dem „inneren
Hitler“ zurecht zu kommen. Der Anthropologe John Borneman hat
die narrativen Strategien, mit denen die zwei deutschen Staaten nach
1949 „die innerstaatliche Selbstpraxis definierten, reglementierten,
institutionalisierten und normalisierten“ (1992:75), ausführlich
beschrieben. Borneman merkt dabei an, dass diese Strategien die zwei
deutschen Staaten als Gegensätze zu einander definierten, wobei
der eigene Bruch mit der Nazivergangenheit der geschichtlichen Kontinuität
jenseits der Mauer gegenübergestellt wurde.
Der Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz schildert aufschlussreich, wie
die Teilung es von Anfang an zuließ, dass Schuld unterdrückt
und neue „externe Feinde“ festgelegt wurden: „Der
Jude als gemeinsamer Feind konnte zumindest formal aufgegeben werden
– die neuen Außenfeinde hießen jetzt: die Bolschewisten
und die Kommunisten auf der einen Seite und die Kapitalisten, Militaristen,
die Revanchisten und Nazis auf der anderen Seite“ (174). Durch
die Existenz zweier deutscher Staaten existierte eine Skala, auf der
Abstufungen des Deutschtums gemessen und kalibriert werden konnten.
Auf beiden Seiten der Mauer kristallisierte man die positiven und negativen
Pole kulturellen Deutschtums heraus und wies dem Osten und Westen jeweils
selektiv ethnotypische Eigenschaften zu. Für den Westen wurde in
der DDR die Bedrohung durch „autoritäre Traditionen“
anschaulich, die das Abgleiten zurück in den diktatorischen Terror
in Deutschland fürchten ließen. Im Osten dagegen verkörperte
die BRD die deutsch-kulturellen Eigenschaften Aggression und Intoleranz,
die durch den imperialistischen Imperativ des internationalen Kapitalismus
angestachelt wurden. Die Bürger des jeweils anderen deutschen Staates
wurden abwechselnd als in ihren autoritären Neigungen „deutscher“
und als verhältnismäßig unschuldige Opfer ihres kriminellen
Regimes dargestellt. In beiden Fällen definierte sich das „wahrhaftig“
zukunftsorientierte Deutschland im Gegensatz zum anderen, rückwärtsgewandten
Deutschland. Für jedes stellte das andere die national-kulturelle
Vergangenheit dar, gegen die seine ideal-nationale Zukunftserwartung
gemessen werden konnte. Schließlich war keiner der deutschen Staaten
ohne den anderen zu verstehen .
Die Entscheidung, welches Deutschland nun in seinem politischen und
sozialen Profil „deutscher“ sei, wurde noch durch den offenkundigen
Wunsch beider Staaten (und auch vieler ihrer Bürger) erschwert,
durch post-nationale Identifikationen der Vergangenheitsbelastung zu
entrinnen. So beschreibt Borneman, wie die DDR sich als Teil einer internationalen
sozialistischen Konstellation identifizierte, die auf die Sowjetunion
ausgerichtet war, und wie sie in ihrem öffentlichen Diskurs die
internationale Verwandtschaft und Bruderschaft aller sozialistischer
Staaten und Bürger unterstrich. Desgleichen versuchte die BRD,
durch die unerschütterliche Einhaltung der liberal-demokratischen
Ideale der westlichen Besatzungsmächte ihre Zugehörigkeit
zum Westen und zu Europa gegenüber ihrem Deutschtum in den Vordergrund
zu stellen.
An dieser Stelle möchte ich eine persönliche Anekdote einbringen.
Im Juli 1997 durfte ich mit einer kleinen Gruppe von Stipendiaten der
Alexander-von-Humboldt-Stiftung an einem zweistündigen Gespräch
mit Bundeskanzler Helmut Kohl teilnehmen. Kohl, einer der großen
Architekten der Europäisierung, bot uns eine eingespielte aber
gleichzeitig recht emotionale Erörterung über die Strapazen
des deutschen Wiederaufbaus infolge des Zweiten Weltkriegs und bewertete
die Bedeutung, die seine Administration der Europäischen Union
und der europäischen Integration beigemessen hatte, als „die
einzig mögliche Lösung für die deutsche Geschichte.“
Damit wollte Kohl ausdrücken, dass die Rückkehr des deutschen
Autoritarismus nur dadurch dauerhaft abgewendet werden konnte, dass
Deutschland in Europa aufging. Es schien mir bemerkenswert, dass man
nur in Deutschland ein Staatsoberhaupt antreffen würde, dass der
post-nationalen Politik so sehr verschrieben war. Natürlich war
sich Kohl bewusst, dass er in diesem Kontext zu einem amerikanischen
Publikum sprach, und er mag sich sogar die amerikanische Angst vor der
deutschen Krankheit zunutze gemacht haben. Zu anderen Gelegenheiten,
vor allem in den Monaten vor der deutschen Wiedervereinigung, zeigte
Kohl, dass er in der primordialistischen Sprache nationaler Zugehörigkeit
ebenso gewandt ist. Jedoch unterstreicht Kohls Auslegung der Beziehung
Deutschlands zu Europa, wie tief die Furcht vor Nostos in Deutschland
sitzt und wie weit viele zu gehen bereit sind, nämlich sogar bis
zur endgültigen Auflösung des deutschen Nationalstaates, um
der Vergangenheitsbelastung zu entkommen.
Laut Kohl wurde das gesamte westdeutsche politische Establishment von
den Ereignissen des Jahres 1989 überrascht. Es hatte keine wirkliche
Vorbereitung oder (in meinen Worten) Therapie für die Wiedervereinigung
der zwei deutschen Staaten gegeben. Tatsächlich löste die
Vereinigung eine unerwartete Krise aus, als das relativ stabile Austauschsystem
des Kalten Krieges, die Vergangenheitsbelastung jeweils dem anderen
Deutschland und seinen deutscheren Deutschen aufzubürden, plötzlich
seine politische Architektur verlor. Selbstverständlich bestanden
in Deutschland informelle Strategien, die Unterschiede zwischen Ost
und West zu identifizieren und interpretieren, unvermindert fort. Doch
das „andere Deutschland“ war für immer verschwunden.
Dieser Verlust war geradezu traumatisch, da das andere Deutschland zu
einer (in Derridas Sinne; 1998) Identifizierungs- und Herkunfts-„Prothese“
geworden war. Obwohl sie die Vergangenheitsbelastung keineswegs hatte
heilen können, hatte sie doch das Deutschtum gestützt, das
ein schlimmeres Deutschtum auf Abstand hielt. Dagegen bedeutete das
vereinte Deutschland nun wieder eine Geschichte, eine Belastung. Der
rasche Gefühlsumschwung im Jahr 1989 von der Ekstase angesichts
des Mauerfalls zum fast schuldbewussten Rückzug in die Ost/West-Unterscheidung
unterstreicht meiner Meinung nach die psychischen Kosten des Deutschtums.
Ein ostdeutscher Satiriker erzählte mir einmal einen Witz, den
er Anfang 1990 gehört hatte und der diesen Rückzug anschaulich
macht. „Sagt der Ossi zum Wessi: ‚Wir sind ein Volk!’
Antwortet der Wessi: ‚Wir auch.’ Dazu erklärte er,
dass er in dem Augenblick, als er den Witz hörte, dachte, „das
Leben ist wieder normal.“
Die Ost/West-Unterscheidung besteht im heutigen Deutschland als Mittel
fort, ein Deutschtum zu errichten, das die ethnologische Vergangenheitsbelastung
dem östlichen oder westlichen Anderen zuschiebt. Es ist bezeichnend,
dass zwar endlos darüber diskutiert wird, worin genau diese Unterschiede
zwischen Ost- und Westdeutschen bestehen, die Unterscheidung an sich
aber weitgehend unangefochten, ja sogar unantastbar bleibt. Indessen
wird der Ost/West-Unterschied vielerorts propagiert und durch die technischen
Instrumente der Massenmedien und akademischer und staatlicher Wissenschaft
rekursiv im öffentlichen Wissen einsedimentiert. In den letzten
fünfzehn Jahren sind Hunderte und Aberhunderte von Studien veröffentlicht
worden, die den Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland spezifizieren
und erklären (siehe zum Beispiel Landua 1993, Staab 1998, Strohschneider
1996).
Gute Wissenschaft, wie ein gutes Symptom, wiederholt sich. Die Wissenschaft
zu Ost/West-Unterschieden erfüllt immer wieder den politischen
Zweck, die anhaltende psychische Notwendigkeit der Ost/West-Unterscheidung
zu naturalisieren. Sowohl Ost- als auch Westdeutsche sind für ihre
Strategien zur Sozialidentifikation immer noch auf das andere Deutschland
angewiesen. Westdeutsche brauchen die Figur des kryptoautoritären,
introvertierten Jammerossis, um ihren Anspruch auf ein kosmopolitischeres
Deutschtum zu legitimieren. Genauso brauchen die Ostdeutschen den kryptoautoritären,
extrovertierten Besserwessi, um ihr Selbstbild als die milderen, liebenswürdigeren
Deutschen zu rechtfertigen.
Im nächsten Teil werde ich herausstellen, dass, obwohl die Ostdeutschen
sich an der Ost/West-Unterscheidung genauso oft und eifrig wie die Westdeutschen
beteiligen, diese Wechselseitigkeit nicht wirklich ausgewogen ist. Angesichts
der Dominanz der Westdeutschen und bundesdeutscher Sozialinstitutionen
in allen Lebensbereichen Ostdeutschlands, hat sich die bundesdeutsche
Seite der Sozialvorstellung des Kalten Krieges zum Erbe deutscher öffentlicher
Kultur im vereinigten Deutschland entwickelt. Die deutschen Massenmedien
sind nahezu ausschließlich in Besitz und unter der Führung
von Westdeutschen und stellen Ostdeutschland als „das andere Deutschland“
in Deutschland dar. Darin werden die Ostdeutschen auf verschiedenartige,
mal subtile, mal eindeutige Weise als kulturell „deutschere Deutsche“
mit Hang zur fremdenfeindlichen Intoleranz und autoritärem Gehorsam
abgebildet. Den Ostdeutschen ist es nicht verborgen geblieben, dass
sie durch diese öffentliche kulturelle Darstellung gezwungen werden,
die Lasten des Deutschtums und der deutschen Geschichte in die Zukunft
zu tragen. Viele Menschen sagen, dass ihre angebliche „Rückwärtsgewandtheit“
genau mit der Weigerung oder Unfähigkeit der Westdeutschen korreliert,
sich ehrlich mit der eigenen Geschichte zu befassen. Auf einer öffentlichen
Veranstaltung der Berliner Zeitung im Mai 1997 zur Zukunft der Kluft
zwischen Ost- und Westdeutschland erhielt der damalige PDS-Abgeordnete
Lothar Bisky Beifallsstürme, als er sagte: „Ich freue mich
auf den Tag, an dem die Westdeutschen auch eine Geschichte haben“.
Die Vermittlung der Ostalgie und die Politik
der Zukunft
Dies bringt uns nun endlich zurück zur Frage der zeitgenössischen
Ostalgie, zu den „Born in the GDR“-T-Shirts und zum Trabi-Kult.
Etwas provozierend möchte ich behaupten, dass die Ostalgie im Gegensatz
zur gängigen Meinung gar nicht existiert. Ich kenne nämlich
nur wenige Ostdeutsche, die jene Beziehung zur DDR pflegen, die ihnen
der Vorwurf oder das Zelebrieren der Ostalgie unterstellt. Dazu möchte
ich kurz drei auf meinen ethnologischen Studien in Ostdeutschland basierende
Dinge anmerken: (1) Ehemalige DDR-Bürger malen sich, genau wie
andere Menschen, die Vergangenheit und Zukunft frei von den Kompromissen
und Belastungen des zeitgenössischen Lebens aus. Kant selbst schrieb
schließlich, Heimweh sei nicht das Sehnen nach Heimat, sondern
nach unserer eigenen Jugend. Und in diesem Sinne hängen viele Ostdeutsche
hin und wieder der Nostalgie nach. (2) Viele ehemalige, vor allem ältere
DDR-Bürger haben das Ende der DDR mit einem Gefühl von Verlust
und sogar Trauer erlebt. Ich möchte jedoch unterstreichen, dass
diese Trauer eher auf die Aufkündigung der sozialistischen utopischen
und humanitären Fantasie als auf das Ende der DDR per se gerichtet
war. In hunderten von Gesprächen mit ehemaligen DDR-Bürgern
hat sich kein einziger die Rückkehr der DDR gewünscht. (3)
Was den Konsumkult um DDR-Waren betrifft, so hat es meiner Meinung nach
wenig mit Nostalgie zu tun, dass sie sich in Identitätssymbole
verwandelt haben. Diese Entwicklung ist besser als Reaktion auf die
kompromisslose Kampagne zu verstehen, die seit 1990 versucht, öffentliche
Symbole und Zeichen der DDR aus dem gelebten Umfeld der neuen Bundesländer
zu entfernen. Da diese Kampagne das ostdeutsche Sozialgedächtnis
so erfolgreich bekämpft hat, haben Ostdeutsche bestimmte verbleibende
Objekte, darunter Konsumgüter (die nun oft von westdeutschen Firmen
produziert werden), vereinnahmt und als Erinnerungs- und Identifizierungs-Prothesen
vergegenständlicht (siehe Berdahl 1999). Während ich also
anerkenne (und wie könnte ich das nicht?), dass solche Symptome
der Vergangenheitsfixierung existieren, kann ich ihrer Einordnung unter
dem Begriff Ostalgie, der die Assoziationen Nostos und Mania und damit
die Fixierung auf die Rückkehr in die Heimat beinhaltet, nicht
zustimmen.
Dem setze ich entgegen, dass der Diskurs über Ostalgie an sich
symptomatisch für die westdeutsche Utopie nach der Wiedervereinigung
ist, die Ostdeutschen hätten eine natürliche Affinität
zur Vergangenheit. Gemäß der immer noch lebendigen Logik
der Identifikationen des Kalten Krieges bedeutet dies, dass die Westdeutschen
eine natürliche Affinität zur Zukunft besitzen. Zum Beispiel
hat der Soziologe Andreas Glaeser in seiner faszinierenden Studie über
die alltäglichen Berufsbeziehungen ost- und westdeutscher Berliner
Polizisten nach der Wende beschrieben, wie Westdeutsche dazu neigen,
ihre Begegnungen mit Ostdeutschen und Ostdeutschland zu allochronisieren
(2000:148-153). „Allochronie“ bezeichnet die Art, in der
Westdeutsche den Osten üblicherweise durch eine zeitliche Verlagerung
beschreiben, als ob das Betreten des östlichen Raumes einen Schritt
in die Vergangenheit bedeute. Dementsprechend stellen Westdeutsche ihre
ostdeutschen Kollegen oft als Geschöpfe der Vergangenheit dar,
als Menschen, die in ihren alten Gewohnheiten gefangen sind, als Individuen,
die sich vor Veränderungen und der Zukunft ängstigen. Laut
Glaeser gestattet diese Sozialimagination von Östlichkeit den Westdeutschen,
als väterliche Wohltäter für die Ostdeutschen aufzutreten
und die Zukunft Deutschlands in ihrem Namen zu gestalten.
Während meiner Feldforschung in ostdeutschen Medienorganisationen
in den Jahren 1996 und 1997 konnte ich eine ähnliche Dynamik erkennen.
Diese Organisationen sind nun gänzlich im Besitz und weitgehend
unter der Führung Westdeutscher, die ihre ostdeutschen Mitarbeiter
wie Fachkräfte, bestenfalls wie regionale Spezialisten behandeln,
die mit regionaler Geschichte und Kultur bestens vertraut sind. Ostdeutsche
Journalisten werden jedoch nur selten aufgefordert, zu oder über
Deutschland als Nation zu sprechen – dies ist die Rolle ihrer
westdeutschen Kollegen. Wie ich beobachten konnte, wurden Ostdeutsche
genau dann für ihre DDR-Nostalgie zurechtgewiesen, wenn sie es
wagten, ihre vergangenheitsorientierte, regionale Identität zu
überschreiten (siehe auch Boyer 2000). Mehrere Journalisten sagten
mir, dass sie sich nur widerwillig kritisch über die vereinte deutsche
Gesellschaft äußern, da ihre westlichen Kollegen solche Kritik
sofort als ein mangelndes Demokratiebekenntnis und als eine Sehnsucht
nach der Rückkehr in die DDR werten. Eine Journalisten Mitte dreißig
sagte:
„Ich glaube, Ostdeutsche zu sein ist nur dann ein Nachteil, wenn
du deine Meinung sagst,
dass dieses bourgeois-demokratische System vielleicht nicht das Ende
der Geschichte darstellt. Und wenn du andeutest, dass danach noch etwas
kommen könnte. Denn wie in jedem System wird das Ende früher
oder später kommen, vielleicht in fünfzig, vielleicht in hundert
Jahren, und dann muss man darüber nachdenken, was danach kommt
und was das für eine Gesellschaft sein soll. Aber es ist komplett
tabu, über das Ende dieses Systems zu reden, weil sie in dem Moment,
in dem du was sagst, denken, „o, sie will die DDR wiederhaben“,
worum es gar nicht geht...Die Westdeutschen haben kein Problem damit,
zu fragen, wie wir in der DDR leben konnten, aber ich glaube nicht,
dass sie jemals darüber nachgedacht haben, wie sie in fünfzig
Jahren einem Fremden antworten würden, der sie fragt, „Wie
konnten Sie in der Bundesrepublik Deutschland leben, mit all ihrer Arbeitslosigkeit,
dem Hunger, naja, soviel Hunger nicht, aber mit Obdachlosigkeit schon?“
Zudem habe ich festgestellt, dass Westdeutsche,
die in ostdeutschen Medienorganisationen und deren Umfeld arbeiten,
oftmals mindestens genauso von der DDR besessen sind wie angeblich ihre
ostdeutschen Kollegen. Im Laufe meiner Forschungsarbeit habe ich z.B.
zahlreiche Stasi-Jäger, allesamt Westdeutsche, kennen gelernt,
die mir ihre Überzeugung darlegten, die Unverletzlichkeit und Zukunft
der vereinten Nation hinge gänzlich davon ab, dass man die Verantwortlichkeit
für die DDR vollständig ermittle. Stasiinformanten zu enthüllen
war zu ihrer Lebensaufgabe geworden, einer Aufgabe, die sie immer wieder
mit der Entnazifizierung in der Nachkriegszeit verglichen. Doch spürte
ich in ihrer fieberhaften Jagd nach Tätern und ihrem Wunsch, dem
Osten im Namen der „freien und demokratischen Gesellschaft des
Westens“ Gerechtigkeit zu bescheren, eine gewisse Manie, für
Verbrechen, die sie nie begangen hatten, Buße zu leisten. Ich
möchte betonen, dass diese Manie einfach ein extremer Ausdruck
einer viel banaleren Furcht vor Nostos ist, wie ich sie oben beschrieben
habe. Ein befreundeter Stasijäger spekulierte wiederholt und mit
dramatischem Ausdruck darüber, wie er und ich wohl als Bürger
der DDR gehandelt hätten, ob wir unser Leben für Prinzipien
geopfert hätten oder ob wir mit dem typischen Leben in alltäglicher
Komplizenschaft zufrieden gewesen wären. Diese Einladung zur Selbstbefragung
ist in Deutschland nicht ungewöhnlich, scheint aber seltsam für
den Bürger eines Staates, der nie seine kollektive, geschweige
denn ethnologische Verantwortung für auch nur einen der Völkermorde
eingestanden hat , in die er verwickelt oder an denen er mitschuldig
war.
Kurz gesagt glaube ich also, dass Ostalgie auch eine westdeutsche Übertragung
ist. Es ist auffällig, dass zwei der bekanntesten Ostalgie-Hits
der vergangenen zehn Jahre, die Zeitschrift Super Illu und der Film
Goodbye Lenin!, von Westdeutschen erdacht und umgesetzt wurden. Super
Illu stammt aus dem bayerischen Burda-Verlag und entstand aus dem Plan
des Verlegers Hubert Burda, eine integrierte Marketing-Kampagne in Ostdeutschland
zu produzieren. Burda erklärte in Interviews, er habe Super Illu
entwickelt, um das kulturelle Erbe der DDR respektvoll, aber gleichzeitig
zukunftsorientiert zu zelebrieren und damit Ostdeutschen den Übergang
zum Leben im neuen Deutschland zu erleichtern (Boyer 2001a). Mit „kulturellem
Erbe“ bezeichnet Burda jedoch hauptsächlich ein werbeorientiertes
„Konsum-Erbe“, denn er konzentriert seine Bemerkungen weitgehend
auf die „emotionale Resonanz“, die Ostdeutsche für
DDR-Produkte und -Stars empfinden. Dadurch ignoriert Burdas Vorstellung
von „ostdeutscher Kultur“ die Tatsache, dass die ostdeutschen
Erinnerungen an die DDR sich weniger auf Marken und Konsum (geschweige
denn Popstars), sondern vielmehr auf die verschiedenen kreativen und
geschickten Variationen von Bricolage und sozialem Networking richten,
mit deren Hilfe sich Ostdeutsche tagtäglich in einer von Materialmangel
geplagten Gesellschaft durchschlugen. Burdas Ostdeutscher ist kein kreativer
Bricoleur oder Impresario, sondern einfach ein frustrierter Massenkonsument,
der das westdeutsche Konsumverhalten freudig annimmt, solange ihm seine
geliebten DDR-Marken und -Ikonen in einem Nischenmarkt zur Verfügung
gestellt werden. Bei meinen Forschungen in den Büros der Super
Illu wurde deutlich, dass die Zeitschrift weitgehend ein westdeutsches
Unternehmen bleibt: Die Betriebsführung setzt sich hauptsächlich
aus Bayern zusammen, und ehemalige DDR-Bürger sollen eher in Randpositionen
die Authentizität und das Ambiente der Artikel gestalten.
Natürlich ist Super Illu eine regionale Zeitschrift ohne die globale
Reichweite eines Films wie Goodbye Lenin! Genau wie Super Illu ist dieser
Film ein größtenteils von Westdeutschen entworfenes und produziertes
Projekt (zum Beispiel stammen die Co-Autoren und der Regisseur, Wolfgang
Becker und Bernd Lichtenberg, aus Westfalen und Köln). Und wie
Super Illu radiert die filmische Farce in ihrer wunderbaren Gestaltung
diese Tatsache aus, obwohl die ersten Szenen des Films über Revolution
und Stasibrutalität – wobei die Stasi in der westdeutschen
Vorstellung von der DDR im Mittelpunkt steht, aber in der Sozialerinnerung
der Ostdeutschen nur am Rande eine Rolle spielt – schon einen
Hinweis auf seine historische Imagination gibt.
Dennoch finden sich an der Oberfläche des Films, in den Dialogen,
zahlreiche Argumente gegen meine Behauptung, dies sei eher ein westdeutscher
Utopiefilm als ein ostdeutscher Nostalgiefilm. Zum Beispiel werden zahlreiche
Salven gegen das westdeutsche Konsumdenken abgefeuert. Jedoch schimmern
darunter Erinnerungen an die Super-Illu-Vision des Ostdeutschen als
Konsumsubjekt hervor (man denke als Belege für diese subtile Neudefinition
der Östlichkeit zum Beispiel an Alex’ Besessenheit mit Markenetiketten,
an den Wunsch seiner Schwester, sich sobald wie möglich aller materiellen
Erinnerungen an die DDR zu entledigen, und an die Freude seiner Mutter,
als sie einen Trabant erwirbt).
Die Visionen vom Konsum unterscheiden sich aber insofern, als Super
Illu die emotionale Resonanz der DDR-Produkte hervorhebt, während
der Film Goodbye Lenin! ihre mangelnde und Ad-hoc-Qualität zur
Hauptzielscheibe seines Humors macht. Dass Alex’ westdeutscher
Freund Denis eines der höchstentwickelten Medienprodukte der DDR
(aktuelle kamera) imitieren kann, in einer Garage und nur mit einem
Eimer Farbe, einer billigen Videokamera und einem billigen Polyesteranzug
bewaffnet, und dass er damit Alex’ Mutter, die gläubige Anhängerin
der DDR, überzeugen kann, ist einer der besten und mehrmals wiederholten
Witze. Im Allgemeinen behandelt der Film Artefakte der DDR als pure
Rückstände, die nur dazu taugen, als Müllhaufen angesammelt
zu werden, auch wenn sie als Behälter für ebenso wertlose
DDR-Währung dienen.
Die vielsagendste Dimenson des Filmes ist jedoch die Darstellung dessen,
was viele Westdeutsche als die ödipale Dynamik des Ostens interpretieren,
nämlich den Kampf mit dem sadistischen Vater in Form des Parteistaates,
nach dessen Ermordung die vielen Söhne der DDR seinen Autoritarismus
erben. Am Anfang des Films möchte Alex den autoritären Vater
umbringen, der seinen eigenen biologischen Vater kastriert hat. Durch
die anhaltende Farce scheint Alex dann den sadistischen Vater zähmen
und als gerechten Patriarchen wiederaufbauen zu wollen. Doch wird Alex
im Denouement des Films selbst schrittweise von einer autoritären
Manie ergriffen, als er das Abbild der DDR um jeden Preis aufrechterhalten
will. Alex wird selbst zu einer Art Honecker- oder Egon Krenz-Figur,
wobei ihm seine Mutter liebevoll zuschaut und gerührt scheint,
dass ihr Sohn sich soviel Mühe gibt, ihrethalben auf paternalistische
Weise die „Realität“ zu verleugnen. Diese Transformation
unterstreicht die Botschaft, dass der perverse sozialistische Staat
in jedem ostdeutschen Jungen einen kleinen Parteisekretär kultiviert
hat, dass der sadistische Vater so wirksam mit dem „inneren Hitler“
übereinstimmt und dass auch hier die übliche Übertragung
auf das andere Deutschland stattgefunden hat.
Auffällig ist zudem, dass der Film als ein ostdeutsches Familiendrama
angelegt ist und die westdeutsche Präsenz in der Mediation des
Films neutralisiert wird. Zum Beispiel spielen die zwei westdeutschen
Figuren des Filmes in der ödipalen Auseinandersetzung keine Rolle.
Denis ist ein freundlicher, geschickter Techniker und Rainier ein stümperhafter
Freigeist, der der Familie mit einem bisschen Extrageld aushilft. Beide
scheinen mehr oder weniger das ostdeutsche Verlangen zu ermöglichen.
Demzufolge mutet die Wiederauferstehung der DDR in Alex’ Wohnung
wie eine rein ostdeutsche Angelegenheit an, eine normale und natürliche
Auseinandersetzung der Ostdeutschen mit ihrer Sozialisation durch ein
absurdes aber auch kriminelles Regime. Ihre Therapie besteht darin,
den autoritären Staat zu ihren eigenen Bedingungen wiederaufzubauen,
ihn dann kathartisch zu demontieren und schließlich mit Hoffnung
und Mut in die westliche Zukunft einzuwilligen. Es ist vorstellbar,
dass die Autoren des Films glauben, sie täten den Ostdeutschen
dadurch einen Gefallen, dass sie einen Film produzieren, der so sensibel
mit dem Dilemma des Ostdeutschen umgeht, sich mit seiner Vergangenheit
auseinandersetzen zu müssen. Kein Westdeutscher scheint eine solche
Verstrickung mit seiner Vergangenheit zu verspüren. Tatsächlich
sagt Hubert Burda genau das in der Zeitschrift Super Illu, deren therapeutische
Rolle er lebhaft mit den „normalen westlichen Vorurteilen“
und „dem mangelnden Verständnis“ für die „besonderen
Herausforderungen“ kontrastiert, welche Geschichte und Identität
den Ostdeutschen stellen.
Sollte diese Lesart richtig sein, Goodbye Lenin! sei eigentlich ein
westdeutscher Utopiefilm, muss man sich fragen, wie der Erfolg des Films
(und der anderen Utopie, Super Illu) bei ehemaligen DDR-Bürgern
zu deuten ist. Ich möchte behaupten, dass solche Filme begeistert
angenommen werden, weil sie ein neues Moment oder eine „zweite
Phase“ im postsozialistischen Normalisierungsprozess Ostdeutschlands
sind. Jeder ehemalige DDR-Bürger kennt die erste Phase nur zu gut
– sie war die allgemeine öffentliche Diskreditierung des
sozialen, kulturellen und politischen Erbes des Staatssozialismus als
kriminell, totalitär und schädlich für die menschliche
Integrität. Andreas Glaeser und ich haben jeweils in unseren Ethnographien
angemerkt, dass Westdeutsche oftmals unfähig scheinen, sich in
irgendeiner Hinsicht ein „normales Leben“ in der DDR vorzustellen,
und dass ihre Vorstellung von der DDR von Eingrenzung, Entbehrung und
Blöße dominiert wird. Die DDR wird zur „Zone“,
einem Raum mit eigenartigen, aber logischen Assoziationen zu den Konzentrationslagern
des Dritten Reiches. In diesem Raum wird das ostdeutsche Leben in Begriffen
konstruiert, die Giorgio Agambens „bloßem Leben“ (1998)
ähneln. Einer meiner ostdeutschen Freunde sagt dazu: „Wenn
du hörst, wie die Westdeutschen unsere Geschichte interpretieren,
denkst Du, es war damals alles Scheiße. Deshalb bist Du folglich
auch beschissen. Außerdem passt das ja gar nicht – es gibt
in jeder Gesellschaft gute und schlechte Dinge, es war ein ganzes Leben
in der DDR. Wenn man diese dauernde Kritik ertragen muss, sind die psychischen
Kosten enorm hoch.“
Tatsächlich empfanden viele meiner ostdeutschen Gesprächspartner
das, was ich die erste Phase postsozialistischer Normalisierung nenne,
als hochtraumatisch. Bemerkenswerterweise war für sie das größere
Trauma nicht der Zusammenbruch der DDR und ihrer Lebenswelt, sondern
die Entdeckung, dass die öffentlichen Narrativen die DDR nach der
Wende auf das Straflager eines kriminellen Regimes und ihre Bewohner
auf seine erbärmlichen Gefangenen reduzierte. Der Zusammenbruch
war tief greifend desorientierend gewesen, doch die dominanten politischen
Narrativen der Wiedervereinigung fügten dem noch die Erfahrung
intensiver Entmenschlichung hinzu, da sie die meisten subjektiven Nuancen
des DDR-Lebens ausgrenzten und damit die eigenen Erinnerungs- und Identitätsstrategien
störten. Noch schlimmer ist, dass sie die Fähigkeit ehemaliger
DDR-Bürger, sich zukunftsorientiert und selbstbestimmt zu verändern,
in Zweifel ziehen. In den schlimmsten Fällen fühlten sich
die Ostdeutschen als Wesen isoliert, die sich im Dreck der Geschichte
suhlen oder die aller Geschichte und Handlungsfähigkeit beraubt
gegenwärtig ein bloßes Leben führen.
Die Auflösung der Ostdeutschen in den frühen Neunzigern als
historische Subjekte, d.h. als selbstbestimmte, geschichtsfähige
Menschen, bereitete den Weg für die zweite, gegenwärtige Phase
postsozialistischer Normalisierung. Die essentielle Sozialform der zweiten
Phase ist die spezielle Form der Rehistorisierung, die der väterliche
Westdeutsche dem erbärmlichen Ostdeutschen schenkt. Das Geschenk
nimmt viele Formen an, und mit Super Illu und Goodbye Lenin! habe ich
zwei brillant verpackte und vermarketete Beispiele aus der Popkultur
herausgegriffen. Doch wie uns Marcel Mauss schon vor langer Zeit gelehrt
hat, erlegt uns der soziale Charakter eines jeden Geschenkes sowohl
Komplizenschaft als auch Erwiderung auf. Ich möchte zwei Verpflichtungen
hervorheben, durch deren Erfüllung die Ostdeutschen nun ihre historische
Subjektivität wiedererlangen sollen. Erstens müssen Ostdeutsche
ihr Wissen um die Vergangenheit mit der westlichen Utopie oder dem „Nicht-Ort“
der DDR koordinieren. Zweitens und noch wichtiger sind die Ostdeutschen
verpflichtet, die Vergangenheit in ein mächtiges Objekt von Identität
und Verlangen zu verwandeln, so dass Westdeutsche die Ostalgie als natürlichen
Effekt des allochronen ostdeutschen Charakters anführen können.
Erst wenn diese Verpflichtungen erfüllt sind, wird das Geschenk
und damit die vermittelnde Wirkung Westdeutschlands aus der Gleichung
gestrichen. So interpretiert man schließlich die wahrgenommene
Beziehung der Ostdeutschen zur Vergangenheit als Folge des grausamen
Erbes ihrer autoritären Sozialisation und nicht als Resultat der
Weigerung des vereinten Deutschlands, ihnen in seiner Identifizierungs-
und Erinnerungspolitik eine Zukunft zuzugestehen.
Man könnte sich auch fragen, wie Super Illu und Goodbye Lenin!
aus ostdeutscher Produktion ausgesehen hätten. Diejenigen, welche
die Komplexität der eigenen Beziehung der Ostdeutschen zu Vergangenheit
und Zukunft zu verstehen suchen, verweise ich auf Alexander Osangs Werk
(1996, 2002). Diese Empfehlung stammt von vielen ostdeutschen Gesprächspartnern,
die auf meine Frage nach ihren Gefühlen zu ihrer Vergangenheit
hin sofort Osang erwähnten. Osang, derzeit Auslandskorrespondent
für den Spiegel, erhielt seine journalistische Ausbildung in der
DDR und hat seit 1989 einen Großteil seiner professionellen Energie
darauf verwendet, kurze Aufsätze und Portraits über die Ankunft
der Ostdeutschen im Westen zu schreiben.
Osangs erster Roman, die nachrichten (2002), folgt einem jungen ostdeutschen
Journalisten, Jan Landers, der von Berlin nach Hamburg zieht, um der
einzige ostdeutsche Nachrichtensprecher für die Tagesschau zu werden.
Landers versteht die Motive, die ihn in den Westen ziehen, nicht vollständig.
Doch wird er alsbald von Luxus und Lebensfreude verführt, und er
beginnt, Ostdeutschland im Kontrast zu den glänzenden Nervenkitzeln
des Westens als einen dunklen Ort zu betrachten. Nachdem Landers sein
Leben in Ostberlin – einschließlich alternden Eltern, einer
entfremdeten Frau und Kind – aufgegeben hat, baut er sich einen
nationalen Namen samt wunderschöner Loft, Luxusauto und Freundin
auf. Doch kommt er niemals wirklich im Westen an und ist sich auf Schritt
und Tritt seiner Fremdartigkeit bewusst (sein Nachname legt dies recht
direkt nahe, „Landers“ spielt natürlich auf „anderes
Land“ an).
Das dramatische Element des Buches ist das Gerücht, Landers habe
vielleicht als Stasiinformant gearbeitet. Niemand will ihm glauben,
als er angibt, sich nicht erinnern zu können, ob er möglicherweise
eine Unterhaltung mit der Stasi hatte oder nicht. Er wird kurzerhand
von der Arbeit suspendiert und kehrt nach Berlin zurück, um ehemalige
Freunde und Familienmitglieder zu interviewen und herauszufinden, wer
er in der DDR war. Ich will das Ende des Buches nicht vorwegnehmen,
und es ist für diesen Aufsatz auch unwesentlich. Landers’
Erinnerungsreservoir an den Osten ist relativ seicht – er existiert
hauptsächlich in einem Grenzzustand, ist weder vollständig
Ostdeutscher noch Westdeutscher.
Darin unterscheidet er sich von den anderen Figuren des Buches, die
sich alle durch Landers’ Wahrnehmung in östliche oder westliche
Karikaturen verwandeln. In einem Sinne ist Osangs Roman eine Generationenerzählung,
in der Landers den starken Wunsch vieler junger Ostdeutscher nach einer
dritten Sozialkategorie widerspiegelt, die weder östlich noch westlich
ist. In einem anderen Sinne ist Osangs Buch eine ostdeutsche Geschichte,
insofern sie von Landers’ Entfremdung von der DDR und dem vereinten
Deutschland und von seinem unruhigen Versuch handelt, eine sinnvolle
Beziehung zur Vergangenheit zu festigen, die sein gegenwärtiges
Leben weder beschränkt noch verzerrt. Am Ende wünscht sich
Osangs ostdeutsche Hauptfigur einfach nur, ein Gefühl von Kontrolle
über ihre Vergangenheit und Zukunft zu besitzen. Jedoch entdeckt
Landers genau wie viele meiner ostdeutschen Gesprächspartner, dass
die gegenwärtige Zukunftspolitik Deutschlands ihnen die Flucht
aus der zugewiesenen Rolle als verkörperte Vergangenheit erschwert.
Westalgie
Abschließend möchte ich vorschlagen, dass wir eher über
Westalgie in Deutschland nachdenken und diskutieren sollten als über
Ostalgie.
Um noch einmal zu Helmut Kohls leidenschaftlicher Narrative zurückzukehren,
wird Deutschlands Anerkennung als Teil des Westens nicht für immer
vom Nazismus und dem Holocaust getrübt werden? Trotz jahrzehnte-,
ja sogar jahrhundertelanger Anstrengungen, einen deutschen Kulturstaat
nach dem nationalstaatlichen Modell Großbritanniens und Frankreichs
zu erbauen, wurden all diese ehrlichen Bemühungen um Verwestlichung
von den Schrecken des Dritten Reiches in einem Streich verdrängt.
Die Auswirkungen dieses Verlustes hallen weiter nach, angefacht von
Nationen und Staaten, die nur zu gerne jemand anderen aussondern, der
angeblich mehrere Vermächtnisse des modernen Bösen ethnologisch
verkörpert: Eugenik, Xenophobie, Rassenlehre, Todeslager, den totalen
Krieg. Weltweit steht das Wort „deutsch“, sogar der Klang
eines deutschen Akzentes, symbolisch für die autoritäre Randzone
der Zivilisation. Man erinnere sich, wie schnell die Öffentlichkeit
begann, über die deutsche Herkunft Papst Benedikt XVI nachzusinnen.
Der erste Scherz, den ich hörte, war: „Da haben sie endlich
einen Weg gefunden, die Kirche noch reaktionärer zu machen. Also
bitte, ein Deutscher?“
Ist dieser Verlust des Westens nicht der wahre Kummer, die wahre Trauer,
die ich umschrieben habe? Wer in Deutschland, im Osten oder Westen,
wünscht sich nicht wiederholt nach 1933 zurück, um die Geschichte
zu ändern? Wer wünscht sich nicht, dass die Anerkennung seiner
Westlichkeit nicht immer irgendwie nur zur Probe zu sein schien? Wer
wünscht sich nicht, dass die zukünftige Frage der deutschen
Krankheit ein für alle Mal geregelt werden könnte? Solche
Empfindungen sind tatsächlich Anzeichen von Algos und Aufforderungen
zur Manie, der Trauer wegen einer ethnologischen Geschichtsbelastung,
die im Namen einer sich nicht wiederholenden Zukunft in die Wiederholung
einer unabänderlichen Vergangenheit besetzt wird. Neben der Leichtigkeit,
dem Kitsch der Ostalgie ist die Westalgie wahre Trauer, das wahre Verlangen
nach Rückkehr. Wie Hofer bitte ich um Verzeihung für die Einführung
eines weiteren Neologismus, da doch das Heimweh im allgemeinen Sprachgebrauch
schon so weit verbreitet ist. Jedoch hat die Diagnose, wie ich hoffe,
läuternde Potentiale. Der wahre Neurotiker ist vielleicht wirklich
unheilbar. Doch vermute ich, dass es eine effektivere und humanere Therapie
gibt, als so viele ostdeutsche Zukunftsvisionen der Neurose um die nationale
Vergangenheit und die nationale Belastung zu opfern.
(Alle
Rechte beim Autor, veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis des
Autoren. Veröffentlichungen dieses Textes, auch in Auszügen,
bedürfen der Erlaubnis des Autoren. Bitte nutzen Sie dazu unser
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