Geschichten
31.12.2005
Nachtbesuche
Erzählung von Horst Geßler
Yoster
weckte mich mit schrecklichem Gebell direkt vor meinem Fenster, genauer
gesagt in der Ecke, in der sich mein Fenster zwischen unserem Türvorbau
rechts und dem Badanbau links versteckt. Er bellt öfter mal –
wenn ein Katerchen die Kühnheit besitzt, unsere Katzen zu besuchen,
oder wenn jemand am Hoftor vorbei geht. Wir sind das Eckhaus, das alle
passieren müssen, die von der Autobahn her ins Dorf kommen. Zu
dieser Nachtzeit kommt kaum jemand vorbei. Yoster, laut Gesundheitspass
vom Tierarzt ein Terrier Basrara, macht für seine Größe,
er reicht mir gerade bis zum Knie, ganz brauchbaren Lärm. Tagsüber
bellt er auch noch die Autos an, wobei er seine Nase in die Öffnung
klemmt, die ich für die Katzen in das Hoftor geschnitten habe.
Biegt das Auto an unserer Hausecke links ein Richtung Autobahnbrücke,
saust Yoster zurück über den Hof in die Remise, wo sich in
der Mauer der Durchfluss für das Regenwasser befindet. Da kommt
er auch nicht hindurch, aber er besetzt die Scharte wie einen Brückenkopf
und bellt schon, bevor das Fahrzeug in Sicht kommt. Dann beschimpft
ihn meine Frau von der Küche aus gar grässlich. Ich weiß
nicht, wer die größere Lautstärke entwickelt. Unsere
Nachbarin sagt nur: „Na und? Ist doch sein Job.“ Das denke
ich auch.
Also, es muss kurz vor drei Uhr gewesen sein, denn ich lege mich immer
gegen halb drei hin und lese dann noch, um Mozart oder Haydn zu hören.
Und beim Konzert für Klarinette, Flöte und Harfe – wunderschön
– legte Yoster los. Nun bringt mich das nicht gleich auf die Beine,
denn es war die Jahreszeit des Minnesangs der nachbarlichen Katerschaft.
Aber er gebärdete sich doch sehr hartnäckig. Und plötzlich
sah ich vor mir jene Nacht zur Zeit der Wende, als er ebenfalls so verbissen
bellte. Allerdings nicht in meiner Fensterecke, sondern schräg
drüben vorm Hühnerstall, zwanzig Meter entfernt, beim Gartenzaun.
Als ich damals endlich vom Fernseher hochkam und meine Handlampe gegriffen
hatte, wuselte er auf dem Weg dorthin vor mir her, dass ich erst gar
nicht begriff, was er sagen wollte. Ein Hund wie Yoster denkt ja ganz
anders als unsereins. Und wir hielten keine Hühner, so dass auch
mit einem Marder nicht zu rechnen war. Mir wurde jedoch klar, dass er
meinte, es müsse etwas Fremdes im Hühnerstall sein. Ich überlegte,
ob ich erst einmal meine Pistole für den Fall aller Fälle
holen sollte. Kam jedoch davon ab, denn ich besaß nur eine Gaspistole,
und welches Tier sollte ich damit erlegen. Ein Katerchen bestimmt nicht.
Ich entschloss mich, die Tür des Hühnerstalls unbewaffnet
zu öffnen. Und da lag er. Lag auf dem Boden, lag auf dem seit Jahrhunderten
eingetrockneten Hühnermist, den unser Vorgänger zurückgelassen
hatte. Ich weiß nicht, ob er schon geschlafen oder wir ihn mit
unserer Rücksichtslosigkeit geweckt hatten, gleichviel, er rieb
sich im Licht meiner Handlampe die Augen und erhob sich.
Ich sagte etwas verunsichert den dummen Satz; „Was machen Sie
denn hier?“
Er antwortete nicht. Nach weiteren Kontaktversuchen war mir klar, dass
er kein Deutsch verstand. Und da unser Ort nur dreißig Autokilometer
von der Grenze entfernt ist, schloss ich messerscharf, er müsse
ein Pole sein. Schon einige Male waren mit der Wende Hausierer aus Jugoslawien
und auch Polen ins Dorf gekommen, um zu hausieren.
Ich hatte recht. Und gewann den Eindruck, es nicht mit einem gefährlichen
Einbrecher zu tun zu haben. Er stand da mit gesenktem Kopf, hängenden
Schultern, hängenden Armen.
Mein Gott, dachte ich, so ein schmales Gesicht, der ist ja fast noch
ein Kind. Kaum so alt wie ich vor fünfundvierzig Jahren, und ich
sah mich, wie ich mit den beiden Jungen vom Volkssturm, die von den
Amis abgefangen worden waren, aus dem Auffanglager bei Rochlitz ausgebrochen
war, sah, wie wir nachts bei strömendem Regen in das Gehöft
am Rand eines Dorfes eindrangen, denn das Tor war nicht verschlossen.
Sah, wie wir uns auf dem Heuboden ausstreckten, die durchnässten
Schnürstiefel auszogen und sofort einschliefen, schliefen, bis
uns die Geräusche auf dem Hof weckten. Als wir mühsam unsere
verquollenen Stiefel anzogen, sagte ich, wir sollten sofort aufstehen,
wenn jemand die Scheune betritt, und uns nicht verstecken, um kein Misstrauen
zu erwecken.
Die Tür öffnete sich, heller Sonnenschein fiel herein und
der Bauer fast in Ohnmacht. Er blieb mit offenem Mund stehen. Ich hielt
das immer für eine Redensart. Aber er stand wirklich so da: offenen
Maules. Ich sagte schnell, wir seien aus amerikanischer Gefangenschaft
bei Rochlitz abgehauen. Was ihn schließlich zu der Frage brachte,
wann wir denn angekommen seien. Als wir sagten, es müsse wohl gegen
eins oder halb zwei gewesen sein, stöhnte er, um halb eins sei
eine Gruppe Amis da gewesen und hätte Stroh und Heu mit den Bajonetten
durchgestochert.
Au, Mann, dachte ich, da hast du ja mal wieder Schwein gehabt. Ich hatte
allen Grund für solchen Gedanken, waren mir doch bei der Fliegerei
manch heikle Situationen begegnet.
Nun war da jedenfalls dieser Junge aus Polen, stand verloren auf dem
getrockneten Hühnermist und blickte zu Boden. Yoster beschnüffelte
ihn, ohne zu bellen. „Los“, sagte ich, packte den Jungen
am Arm und zog ihn ins Hoflicht. Er merkte wohl, dass ich ihm nicht
an den Kragen wollte. „Polski“, murmelte er oder: „
Polen“, so etwas in der Art. Dann kam unter Zuhilfenahme von Händen
und Wortfetzen ein Fragment von Verständigung zustande, dem ich
entnehmen konnte, dass er, teilweise wohl per Anhalter, bis Pomellen
gekommen war. Von dort musste er wahrscheinlich, um die Grenzkontrolle
zu umgehen, gelaufen sein. In völliger Unkenntnis der Gegend. Unser
Ort war dann der erste, dessen Lichter von der Autobahn aus gesehen
werden konnten. Er hoffte wohl, in Deutschland das Tischlein deck dich
zu finden.
Ich dachte an meine damalige Lage kurz vor Kriegsende, aus dem Gefangenenlager
geflüchtet, auf einen fremden Hof geschlichen, in der Scheune übernachtet,
einer amerikanischen Streife knapp entgangen ... Wiederholten sich manche
Dinge in anderer Gestalt?
Ich dirigierte ihn in unsere Scheune und zeigte auf das Stroh. „Hier“,
sagte ich, „du schlafen.“
Er verstand und lächelte. „Tenkuje!“ Ich weiss nicht
genau, wie das Wort geschrieben wird, aber es heißt danke. Dann
bekreuzigte er sich und packte sich hin. Ich ging ins Haus zurück.
„Was war denn los?“ fragte meine Frau vorm Fernseher.
„Ein Pole.“
„Was, ein Pole? Wie denn?“
„Ist hinten von der Autobahn her übers Feld durch den Garten
gekommen und in den Hühnerstall. Ein ganz junger Bengel.“
„Und wo ist er?“
„In der Scheune. Soll er dort schlafen.“
„Ich sage doch immer, du musst ein Schloss an die Gartentür
machen, jetzt, wo alles mögliche Gesindel hier auftaucht. Und der
soll die Nacht hier bleiben?“
„Ja, soll er.“
Sie blickte mich ängstlich an. „Muss da nicht die Polizei
...?“
„Nein, nein“, beruhigte ich sie, „der bringt uns schon
nicht um. Ich muss nur daran denken, wie ich damals fünfundvierzig
mit den Jungens vom Volkssturm, du weißt schon, von den Amis getürmt
bin.“
Sie nickte. „Ja, richtig. Aber die Nächte werden jetzt schon
kalt.“
„Na“, antwortete ich, „damals Ende April war es auch
nicht sehr warm.“
„Genau. Ich hole eine Decke vom Boden, von den Militärdecken,
die Florian bei der Armee-Auflösung mitbegebracht hat.“
Dagegen war nichts einzuwenden.
Sie brachte die Decke, ich ging damit in die Scheune und warf sie dem
Jungen hin. „Damit du nicht frierst.“
Ich weiss nicht, ob er es verstanden hat.
Am anderen Morgen stand er mit der zusammengelegten Decke vorm Türvorbau.
„Na“, sagte meine Frau, „komm rein.“ Sie machte
eine einladende Handbewegung, die er verstand. In der Küche hatte
sie ein paar Stullen und Kaffee bereitgestellt.
Ich ging in die Werkstatt und kramte nach einem Schloss für die
Gartentür.
Seitdem waren nun wohl zehn Jahre vergangen. Yoster bellte unentwegt
weiter in der Ecke meines Fensters. Er gab nicht nach. Schließlich
war ich der Klügere und erhob mich, zog mir die Strickjacke über
und ging hinaus.
In der Ecke zwischen meinem Fenster und dem Vorbau der Haustür
saß auf den Hinterbeinen und mit dem Rücken in den Winkel
gedrückt so etwas wie ein großer Kater, fauchte beängstigend
und schlug mit den Pfoten nach Yoster, der mitunter einen Ausfall wagte,
eins auf seine lange Graf-Yoster-Nase bekam und leise jaulend wieder
auf Distanz ging. Aber ein Kater, dachte ich, hätte sich wahrscheinlich
nicht erst in die Ecke treiben lassen, sondern sich vorher in Sicherheit
gebracht. Außerdem spielte sich das Minnegeschehen der Katzen
nicht auf dem Hof ab, weil die Katerchen durch den Regenabfluss in der
Remise Zugang fanden, und unsere Kätzchen ihr Stelldichein in der
Scheune daneben abwickelten.
Ich konnte den wehrhaften Fremdling nicht erkennen, da das Hoflicht
an der Ecke vorbei lief. Dann kam meine Frau. Ich lief ins Haus und
holte die Handlampe. In ihrem Schein wurde das Bild unseres Eindringlings
deutlicher. „Das ist ja“, sagte ich, „tatsächlich,
das ist ein Waschbär.“
Da standen wir in unseren Schlafanzügen.
„Was machen wir denn jetzt?“ fragte meine Frau.
„Jetzt mache ich erst mal den Hund drüben fest.“
Ich griff Yoster beim Halsband, und er lief überraschend kooperativ
mit hinüber zum Stallgebäude, wo die Tür des leeren Schweinestalls
offen stand und an der vorderen Bucht seine Kette angebracht war, die
ein Stück auf den Hof hinaus reichte. Meine Frau lief zur Hoftür
und öffnen sie weit.
Der Waschbär blieb in seiner Ecke sitzen. In Kampfposition. Aber
er fauchte nicht mehr.
„Na, los“, sagte ich zu ihm, „mach dass du wegkommst.“
Er rührte sich nicht. Es half auch kein Zureden. So unterhielt
ich mich mit ihm, bis ich an den Straßenbesen neben der Haustür
dachte. Den hatte ich schnell zur Hand und schubste unseren sesshaften
Gast freundschaftlich damit an. Was ihn anfangs nicht sonderlich rührte.
Irgendwann merkte er doch, dass ich nicht Ernst machte, und zog langsam
los, spazierte gemächlich um die Ecke überquerte die Einfahrtstrecke,
blickte sich noch einmal nach dem Hund um, wie er an der Kette hüpfte,
und schlug nicht etwa die Richtung zur offenstehenden Hoftür ein,
sondern folgte der Stallwand zum Katzenloch im Hoftor, von wo er offenbar
gekommen sein musste. Dort verschwand er.
Seltsam diese Begegnungen, von denen man nie jemanden wiedersieht.
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