Weltsicht
Universum
– woher und wohin?
Die
Frage, wie unsere Welt entstanden ist, bewegt die Menschen, seit sie
fähig sind zu denken.
In ihrer Frühzeit suchten sie darauf Antworten, die uns zum Teil
als Mythen überliefert sind. Mit fortschreitendem Wissen über
die uns umgebende Natur änderten sich die Antworten, änderte
sich das Weltbild. Doch die Frage nach der Entstehung des Universums
hat bis heute keine einstimmige Antwort gefunden. Nach wie vor stehen
sich zwei Auffassungen konträr gegenüber. Die eine sieht
einen Gott als Schöpfer der Welt, die andere sucht den Ursprung
des Universums in den Entwicklungsgesetzen der allgegenwärtigen
Materie. Mit der Annahme eines Gottes als Schöpfer und mit dem
Glauben an ihn erübrigen sich alle Fragen nach der Entstehung
der Welt. Da steht die Schöpferkraft eines Gottes für die
Beantwortung aller Fragen. Doch die Frage nach seiner Herkunft, die
Frage, wer denn Gott erschaffen hat, gilt als unzulässig. Weil
es eben Gott ist.
Nicht so einfach nehmen es die Wissenschaftler, vor allem Physiker,
Astronomen und Mathematiker, desgleichen auch Philosophen. Die Antwort
auf die Frage nach dem Ursprung des Universums wird von der physikalischen
Notwendigkeit eines Urknalls dominiert. Gewichtige Gründe dafür
ergeben sich aus der Annahme, dass sich das Universum ausdehnt. Man
spricht von der Flucht der Spiralnebel. Daraus ergibt sich die Frage
nach dem Kräfteverhältnis zwischen dem Fluchtimpuls der
Spiralnebel und der Gravitation, also jener Anziehungskraft, die der
Flucht der Spiralnebel entgegenwirkt. Noch ist der Verlauf nicht bekannt.
Erweist sich die Gravitation als stärker, wird sich das Universum
irgendwann wieder zusammenziehen. Gewinnt die Fluchtkraft die Oberhand,
muss das Universum weiter auseinander fliegen, bis in alle Ewigkeit.
Die Antwort darauf ist genau so offen wie die Möglichkeit, dass
es zu einem Gleichgewichtszustand kommt und damit zur Aufhebung der
Ausdehnung, d.h. zum Stillstand, was wenig wahrscheinlich ist.
Es
ist in Mode gekommen, den Urknall nicht nur als Entstehungsmoment
des Universums zu betrachten, sondern seinen Ausgangszustand auch
als dimensionslos, als mathematischen Punkt zu interpretieren. Diese
Interpretation gefiel dem Klerus, denn, so erklärte der Papst
um 1980/1981 herum, der Urknall "sei der Augenblick der Schöpfung
und damit das Werk Gottes". (Stephen W Hawking "Eine kurze
Geschichte der Zeit" , Rowohlt 1991, S. 148)
Auch wenn nicht alle Physiker die klerikale Deutung teilen - auch
Stephen Hawking akzeptiert sie nicht - gehen doch die meisten Physiker
davon aus, dass der Urknall aus einer dimensionslosen Energieballung
unvorstellbarer Intensität entstanden sei, die in Form ungeheuer
komprimierter Strahlung existent gewesen sei.
Die Vorstellung vom Nullpunkt des Urknalls bildet sich aus den Berechnungen
der Physiker, indem sie die Flucht der Spiralnebel bis zu ihrem Ausgangspunkt
vor 15 bis 20 Milliarden Jahren zurückrechnen. Dabei gehen die
meisten von der Voraussetzung aus, dass der Dopplereffekt die einzige
Ursache für die Rotverschiebung ist, die sich im Lichtspektrum
zeigt, wenn sich eine Lichtquelle vom Beobachter entfernt. Andere
Wissenschaftler halten jedoch auch noch andere Ursachen der Rotverschiebung
für möglich. Jedoch angenommen, der Dopplereffekt sei wirklich
Ursache der Rotverschiebung und damit Indiz für die Ausdehnung
des Raumes, ist eine mathematische Rückrechnung zwar möglich,
jedoch bis zum Nullpunkt nicht zulässig. Denn bei einem bestimmten
Zustand im Schrumpfungsprozess versagt eine Extrapolation, da sie
nur für einen begrenzten Bereich anwendbar ist. Z. B. ist eine
Funktionskurve der Erwärmung von Wasser bei gleich bleibender
Energiezufuhr berechenbar bis zu dem Punkt, bei dem das Wasser in
Dampf übergeht. Da bricht die Funktion ab, denn es erfolgt ein
Umschlag in einen anderen Zustand, in eine andere Qualität. Im
Falle einer Zusammenziehung des Universums wird daher die Welt nicht
zu einem Nichts zusammenschrumpfen, der Raum also nicht, wie es in
der Bibel heißt, "öd und leer" sein. Vielmehr
wird der Urknall vor dem Punkt Null eintreten. Das heißt, wenn
das All im Prozess der Zusammenziehung noch eine bestimmte Größe
von Null plus x besitzt, ereignet sich infolge der inneren Spannungen
und Kräfte bereits jene gewaltige Explosion, die Urknall genannt
wird. Dieser Ereignisort ist kein mathematischer Punkt im Nichts,
sonder er besitzt noch immer eine bestimmte Ausdehnung, einen materiellen
Körper. Mit ihm endet die Schrumpfung des Universums, und der
Prozess der Ausdehnung beginnt erneut. Z.B. nahmen Wissenschaftler
wie Georg Klaus und andere eine Kontraktion des Universum auf eine
Größe etwa von der des Mondes an. Dichter lasse sich die
Masse des Universums auch in Form geballter Strahlung oder kleinster
Elementarteilchen nicht komprimieren. Dann erreicht der innere Widerspruch
zwischen Gravitation und expansiver Strahlung eine solche Größe,
dass ein Umschlag in eine andere Qualität erfolgt. Die Zusammenballung
von Gravitation und Strahlung explodiert. Das ist ein neuer Urknall,
und ein neues Universum entsteht.
Mathematiker und Physiker, die glauben, man könne eine Zusammenziehung
des Weltalls beliebig weit auf einen Endpunkt hin zurückrechnen,
ignorieren das allgemein wirkende Naturgesetz, wonach jede Entwicklung
einen Punkt erreicht, bei dem sie eine neue Qualität hervorbringt,
jedoch nicht verschwindet. Materie kann nicht verschwinden. Wie immer
man sie auch bezeichnet, ob als kompakte Masse, als Energie, Strahlung
oder Elementarteilchen. Wenn ein Atom zerfällt, verschwindet
nicht seine Materie, sondern seine physische Erscheinungsform, seine
Qualität als Atom. Es durchläuft einen qualitativen Umschlag.
Seine Bestandteile erscheinen in unterschiedlicher Form, und bilden
neue Qualitäten. Je nach Art des Zerfalls oder teilweisen Zerfalls
entsteht gelegentlich ein neues Element – aber nicht immer -,
bestimmte Elementarteilchen werden freigesetzt, andere erscheinen
als Strahlung verschiedenster Art, die Qualität des Atoms hat
sich gewandelt.
Es ist nach dem Untergang des Sozialismus auch in Mode gekommen, philosophische
Leistungen seiner Vordenker zu verunglimpfen und aus der Erinnerung
der Menschen zu löschen. Das zeigt sich insbesondere für
die Anwendung der dialektischen Methode im wissenschaftlichen und
praktischen Denken von Marx und Engels. Seither gilt die Dialektik
als verpönt. Als hätten Marx und Engels die Dialektik erfunden,
was natürlich a priori verwerflich sei. Es wird vergessen, ja
mehr noch, es wird ignoriert, das die Dialektik seit der Antike die
von Philosophen gepflegte und geübte Denkmethode ist. Von den
alten griechischen Philosophen stammt z. B. die Grundregel für
ihre Diskussionen, dass man von einer These über eine Gegenthese
zur Synthese gelangt und damit zu einer höheren Stufe der Erkenntnis
kommt. Marx und Engels haben diese Methode nicht erfunden, sondern
sie haben sie von Hegel übernommen, der sie weiter entwickelt
hat. Hegel hat sie jedoch auf die Entwicklung des Geistes bezogen.
Für ihn ist es der Weltgeist, der sich entwickelt und durch dialektische
Widersprüche zur Erkenntnis seiner selbst kommt. Marx und Engels
haben Hegels Dialektik vom Kopf auf die Füße gestellt,
wie Engels schrieb. Sie haben die Entwicklung der Welt als Entwicklung
der Materie auf Grund der ihr innewohnenden Widersprüchen gesehen.
Die grundlegende Erkenntnis dialektischen Denkens ist die, dass sich
die materielle Welt durch die ihr innewohnenden Widersprüche
entwickelt. Weil es dabei nicht um eine erdachte, sondern um die wirkliche
Welt geht, also um ihren materiellen Charakter, wird diese Dialektik
materialistisch genannt. Das veranlasst vor allem religiöse Kreise,
die materialistische Dialektik zu verunglimpfen und zu verteufeln.
Denn für sie ist es ja Gott, der kraft des reinen Geistes die
höhere Abspielung der Weltvorgänge bewegt. Aber auch im
gleichen Denken befangene Philosophen und Naturwissenschaftler folgen
diesen Gedanken.
So stehen sich weiterhin die beiden Denkrichtungen über Entstehung
und Entwicklung des Universums diametral gegenüber.
Ab und an wird in der Literatur am Rande erwähnt, dass nicht
alle Wissenschaftler mit der Theorie vom Urknall aus einem dimensionslosen
Punkt übereinstimmen. Aber ich habe noch keinen Namen dazu gefunden.
Auch keine Darstellung solcher Ansichten. Wäre das Problem nicht
größerer Beachtung wert? Oder fürchten Andersdenkende
den Scheiterhaufen?
Horst Geßler